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Rezension: Belletristik : Noch einmal Albert Camus

  • Aktualisiert am

"Die Pest", wiedergelesen · Von Georges-Arthur Goldschmidt

          6 Min.

          Daß "Die Pest", der berühmte Roman von Albert Camus, jetzt wieder in einer neuen Übersetzung (von Uli Aumüller) vorliegt, verwundert nicht, denn Camus hat der heutigen Zeit noch oder wieder vieles zu sagen. Die Klarheit der Konstruktion und des Inhalts, die Ausbreitung der Pest in Oran, der zweitwichtigsten Stadt Algeriens, hat dieses 1947 erschienene Buch weltberühmt gemacht, fast so berühmt wie Kafkas "Prozeß". Wie "Der Fremde", ein Roman, in dem Camus die völlig unpathetische Selbstentfremdung des Menschen in einem schlicht-kalten Stil beschreibt, ist auch "Die Pest" zum Allgemeingut der europäischen Kultur geworden.

          Das Thema ist von einer fast erschreckenden Einfachheit. Daß Camus mit der Pest auch den Nazismus meinte, ist bekannt und muß nicht weiter hervorgehoben werden. Man erinnere sich nur an seine Briefe an einen deutschen Freund. Es wäre aber verfehlt, das Buch auf eine einzige Deutung, so überzeugend sie auch sei, festlegen zu wollen. Die Pest geht jeden an, jeder kennt sie, und jeder kann von ihr angesteckt werden. Die Evidenz des Romans von Albert Camus macht das Thema zugleich einfach und unerschöpfbar, wie es auch die Romane Kafkas sind. Mit Präzision hält Camus nicht nur die Entwicklung der Krankheit fest, sondern auch die Art und Weise, wie sie die ganze Stadt heimsucht, um sich greift, sich aber auch in der Seele der Menschen festfrißt, wie Abstumpfung dem Fieber folgt. Camus zeigt, wie die einen sich mit der Seuche arrangieren, sogar davon profitieren, er zeigt, wie sie der politischen Manipulation zugute kommt und wie andere wiederum sich aufopfern und helfen.

          Rieux, Tarrou, Rambert, sie alle verkörpern etwas von einem Menschheitsbegriff, den man 1947, am Anfang des sogenannten "Kalten Krieges", vor allem in Jean-Paul Sartres Umgebung volksschullehrerhaft fand. Das Problem der individuellen Verantwortung, wie es in "Die Pest" aufgeworfen wurde, war sowenig "marxistisch" wie nur möglich und entsprach überhaupt nicht der damals vorherrschenden Ansicht von der Allmacht der geschichtlichen Bestimmungen.

          Heute könnte man dem Buch eine gewisse Naivität vorwerfen und einen feierlich-steifen Stil, aber das Verschwinden der Ideologien und die Neubesetzung des individuell moralischen Bereiches als Möglichkeit des politischen Denkens lassen die Kritik Sartres an der "Pest" doch ein wenig kurzsichtig erscheinen. Jeder Leser kann "Die Pest" so verstehen, wie er es will. Es kann keine endgültige Interpretation dieses Buches geben. Daß dieser Roman sich so offenkundig jeder unmittelbaren Deutung zur Verfügung stellt, macht ihn als Forschungsobjekt für Spezialisten natürlich völlig wertlos.

          Im Grunde hat man Camus nie verziehen, ein zugänglicher und lesbarer "Intellektueller" zu sein. Das wurde auch Victor Hugo oder sogar Emile Zola zur Last gelegt: Wer einen unschuldigen Juden verteidigt (den Hauptmann Dreyfus), so sah es eine rechts orientierte Kritik, kann doch nur ein miserabler Schriftsteller sein! Vor allem jedoch hat man es Camus übelgenommen, daß er sich erlaubte, außerhalb der vorgeschriebenen Denkregeln die Positionen und Zusammenhänge zu überprüfen und sein Gewissen nicht vorgefertigten oder diktierten Einsichten zu unterwerfen. Er brauchte keine Garantien, er mußte sich seine Meinungen nicht bestätigen lassen, um zu wissen, ob er "richtig" dachte.

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