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Rezension: Belletristik : Noch ein Mord

  • Aktualisiert am

Dürrenmatts Fragment "Der Pensionierte" Von Bernhard Schlink

          Ein Buch wie ein Familienfest. Es sind die da, die schon beim letzten Mal da waren. Wir kennen ihre Gesichter und Geschichten und wissen, wie sie sich fühlen und verhalten. Wir freuen uns, daß sie sind, wie sie beim letzten Mal waren - die, die wir mögen, und auch die, die wir nicht mögen. Daß Base Menzel jetzt Wiesen heißt, weil sie noch mal geheiratet hat, und Onkel Karl-Wilhelm sich Willi statt Kalle nennt, irritiert nur ein bißchen.

          Der Kommissär heißt nicht mehr Bärlach, wie in "Der Richter und sein Henker" und "Der Verdacht", sondern Höchstettler, der Polizeikommandant Wanzenried statt Dr. Lutz und der Regierungsrat Gümmliger statt von Schwendi. Aber es sind dieselben Gestalten, es ist dasselbe Bern mit seinem Um- und Oberland, und der zeitliche Hintergrund der späten siebziger Jahre unterscheidet sich von dem der späten vierziger nur durch den Jahrgang des Bordeaux, der getrunken wird. Der Kommissär wird auch nicht erst in "Der Pensionierte" pensioniert, sondern begegnet schon in "Der Verdacht" kurz nach der Pensionierung. Er ist als Bärlach Junggeselle und als Höchstettler gerade geschieden. Aber seine sieben Ehen und Scheidungen zählen wie keine. "Ich habe wahrscheinlich so viele Frauen verbraucht, weil sie in meinem Leben keine Rolle spielten."

          Wie wir beim Familienfest nicht Überraschendes suchen, sondern Vertrautes, ist auch bei einem Kriminalroman, dessen Gestalten wir schon kennen und lieben, die Handlung mit ihren Wendungen und Überraschungen nicht das Entscheidende. Was in Erinnerung bleibt, sind die Gestalten und bestimmte Problem- und Konfliktkonstellationen: Wachtmeister Studer und die Angst in dichten sozialen Gefügen, Hercule Poirot und das Verbrechen im Salon, Maigret und die Heillosigkeit menschlicher Beziehungen. Die Handlungen verschwimmen daneben.

          Wo die Handlung nicht das Entscheidende ist, ist auch nicht entscheidend, ob sie zu Ende geführt wird. So verspricht auch das Fragment eines Kriminalromans von Dürrenmatt dem, der seine Kriminalromane liebt, kaum weniger Leselust als ein weiterer vollendeter Kriminalroman. Es war richtig, es zu publizieren - auch mit den Faksimiles des Manuskripts und des korrigierten Typoskripts, die mit Dürrenmatts holpriger, zugleich kindlicher und weiser Druckbuchstabenhandschrift bekanntmachen. So wird die Lektüre des Buchs eine Begegnung mit Dürrenmatts Schaffensweise.

          Konzipiert hatte er zunächst einen Roman, der "davon handelt, wie in den ersten Tagen nach seiner Pensionierung ein Polizeiinspektor alle jene Verbrecher besucht, die er im Verlaufe seiner langen Tätigkeit aus Humanität und aus Wissen um das Ungenügen der menschlichen Gesetze straflos springen ließ". Im Fragment kommt es zu einem solchen Besuch und zu einem Einbruch, den der Kommissär mit den besuchten Einbrechern macht. Außerdem droht ein Skandal um einen Politiker, den der Kommissär schätzt und dessen strafbare homosexuelle Beziehung er unterschlagen hat. Es sollten, schrieb Dürrenmatt später, "noch ein Mord und ein Selbstmord vorkommen" - der Selbstmord des Politikers deutet sich am Ende des Fragments ebenso an wie das mörderische Potential bürgerlicher Anständigkeit und Ehrbarkeit. Offen bleibt, wie die beiden Handlungsstränge und auch die beiden Welten, die der Gauner und die der Bürger, sich treffen und schürzen sollten. Die Ehre der Gauner gegen die Heuchelei der Bürger? Dazwischen der pensionierte Kommissär, der mit dem Gegensatz spielt, ihn ausspielt und benutzt, um Gerechtigkeit zu verwirklichen? Welche Gerechtigkeit?

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