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Rezension: Belletristik : Niemand ist vollkommen

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David Thomas berichtet von dem Vorteil, eine Frau zu sein

          Eigentlich wollte sich Bradley Barnett nur die Weisheitszähne ziehen lassen. Doch auf dem Weg zum Operationssaal findet im Krankenhaus eine Verwechslung statt: Die Pfleger, die sich im Zustande der Volltrunkenheit befinden, halten Barnett für einen Transsexuellen, der den entscheidenden medizinischen Eingriff seines Lebens herbeisehnt. Als er aus der Narkose erwacht, muß er feststellen, daß er eine Frau ist, mit Silikonbusen und einer künstlichen Vagina. "Ich bin ein gottverdammtes Mädchen", klagt er. Daß die Krankenschwester kaltherzig erwidert, sie sei schon immer eines gewesen, und weh getan habe es ihr eigentlich nie, ist da wenig hilfreich.

          Nicht einmal die Tatsache, daß Bradley Barnett zum Medienstar avanciert, ist ein rechter Trost. Er (sie?) fühlt sich "wie eine Kreuzung aus Marilyn Monroe und dem Elefantenmenschen". Doch der Versuch, von einer Brücke in die Themse zu springen, schlägt fehl, weil ein konservativer Abgeordneter die junge Lady unbedingt retten will. Also macht Bradley Barnett das Beste aus der mißlichen Situation: Er läßt seine Bartstoppeln entfernen, unterzieht sich einer kosmetischen Operation, lernt wie eine Frau zu gehen, zu lachen und zu sprechen, kauft sich Armani-Kostüme und teures Parfüm: Bradley verwandelt sich unwiderruflich in Jackie Barnett. Sogar ein romantisches happy ending ist in Sicht, als Jackie sich in jenen Chirurgen verliebt, der sie versehentlich ihrer Männlichkeit beraubt hat.

          David Thomas' Debütroman "Girl" ist witzig und rasant erzählt. Die Schlußpointe nimmt gekonnt die einschlägigen Liebes-und Arztromane auf die Schippe. Und selbstverständlich wäre es unsinnig, einem satirischen Buch vorzuwerfen, daß sein Plot einfach ist und alles darin wie am Schnürchen klappt. Ein Problem indessen liegt darin, daß das Schnürchen, an dem die unsichtbare Hand des Autors zieht, keine Puppe zum Tanzen bringt, sondern einen lebendigen Menschen. Für den Helden einer Romansatire hat Bradley Barnett eindeutig zuviel Seele. Daran sind nicht so sehr die weiblichen Hormone schuld, die er seit seiner Geschlechtsumwandlung zu sich nimmt; eher liegt die Vermutung nahe, daß David Thomas sich nicht recht entscheiden konnte, was er schreiben wollte - eine Groteske oder ein feinsinniges Psychogramm.

          Dieser innere Widerspruch kommt auch in der wenig überzeugenden Form zum Ausdruck. Der Roman ist als fingiertes Tonband-Tagebuch angelegt. Indessen ist seine Diktion viel zu reflektiert und artifiziell, als daß diese Konstruktion glaubhaft werden könnte. Barnett spricht eine ins Poetische hochgeschraubte Alltagssprache, die mit ihren gesuchten Metaphern und Ungezogenheiten gelegentlich an Raymond Chandler erinnert. Die Übersetzung von Georg Dedderich ist übrigens glänzend.

          Paradoxerweise sind solche Konstruktionsfehler jedoch zu fundamental, um beim Lesen ernsthaft zu stören; man verbessert sie sozusagen automatisch im Kopf. Zudem wird der Leser für alle Schwächen durch die Mediensatire entschädigt, die dieser Roman bietet. Von seiner Biographie her war der Autor geradezu prädestiniert, sie zu schreiben: David Thomas hat wöchentliche Kolumnen in der "Sunday Times", der "Daily Mail", dem "Sunday Express" und dem "Daily Telegraph" und war der letzte Herausgeber des "Punch". Thomas' Mediensatire kulminiert in einer Szene, die Bradley als Gast einer Talkshow zeigt. Barnetts Kontrahenten sind einerseits eine Radikalfeministin, die soeben ein Buch über "das systematische Abschlachten der Männer durch die Frauen" verfaßt hat; auf der anderen Seite steht ein professioneller Macho, der die These vertritt, die Frauenbewegung habe die Männer emotional "in kleine Stücke zerhackt".

          Jackie Barnett wirkt in dieser Runde wie ein Katalysator. Durch ihre bloße Präsenz wird offenbar: Die Feministin ist in Wahrheit eine rabiate Frauenhasserin, der Macho aber ein weinerliches Muttersöhnchen. Als er nämlich anfängt, Jackies Oberschenkel zu tätscheln und sie sich gegen diesen sexuellen Angriff mit Hilfe einer Sicherheitsnadel zur Wehr setzt, ergreift die Feministin umstandslos für den Macho Partei. Privat sind die beiden ohnehin ein Paar.

          Nicht nur solcher Szenen wegen ist "Girl" ein kurzweiliges Buch. Zumindest der männliche Leser wird dem Autor danken, daß er uns in die letzten Mysterien einführt: Endlich erfahren wir, wie sich das bei Frauen anfühlt (ziemlich gut) und wie sie mit ihren besten Freundinnen über die Männer reden (ziemlich schlecht). Nur ein Rätsel bleibt ungelöst. Wozu brauchen Frauen so viele Schuhe? HANNES STEIN

          David Thomas: "Girl". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Georg Dedderich. Haffmans Verlag, Zürich 1995. 320 S., geb., 36,- DM.

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