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Rezension: Belletristik : Niedergang im Hochgebirge

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Doch die sind schwer zu finden. Ein Herr aus deutlich besseren Kreisen, der ganz unverblümt am frühen Morgen Wohnungen ausraubt, hat sich, so führt er aus, als er wegen seines Tuns zur Rede gestellt wird, vordem in Handel, Finanzwelt, Politik und Journalismus umgetan. Abgestoßen vom dort jeweils herrschenden Geflecht von Betrug und Durchstecherei, will er jetzt den "Diebstahl wieder zu einem ehrenwerten und beneideten freien Berufe machen".

Der Mann ist vielleicht auf einem Abweg, immerhin ist er ein Suchender, während sich das sonstige Personal offensichtlich komfortabel fühlt in einem Amalgam aus Größenwahn, Heimtücke, Geldgier, Narretei und reaktionärster Gesinnung. Da muß ein bretonischer Bürgermeister, der sonst im Schulterschluß mit dem Ortspriester die Bevölkerung ausplündert, seine Tatkraft durch den Kampf gegen eine von ihm fingierte Cholera-Epidemie beweisen, während der normannische Großgrundbesitzer Marquis de Portpierre es immer wieder mit der folgenlosen Annonce unmittelbar bevorstehender glücklicher Zeiten ins Parlament schafft. "Das Bewundernswerte an dem Funktionieren des allgemeinen Wahlrechts ist, daß man dem Volk Wohltaten versprechen kann, in deren Genuß es nie kommen wird", bemerkt Vasseur mit resignativem Unterton; sein Freund Roger Fresselou, früher ein hoffnungsfrohes Mitglied der literarischen Pariser Intelligenz, den er am letzten Kurtag in einem abgelegenen Bergdorf besucht, hat sich gleich ganz zurückgezogen: als wortkarger Nihilist, der schon lange nicht mehr daran glaubt, daß der gute oder widerständige Gedanke den miserablen Lauf der Dinge verändern könnte.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß es sich bei dem Kurgast Vasseur um das Alter ego Octave Mirbeaus handelt, und der war um 1900 immerhin ein europäischer Großautor in den Bereichen Journalismus, Dramatik und Prosa. In seinen guten Zeiten war er von stupender Schaffenskraft. Was alles zusammenkommen mußte, um ihn fast vollständig aus dem literarischen Gedächtnis zu tilgen - mit Ausnahme seines zweifach verfilmten "Tagebuchs einer Kammerzofe" -, daran wird in Frankreich seit rund zehn Jahren geforscht.

Daß im Zuge dieser Entwicklung nun dieses Buch auf deutsch erschien und dann noch in einer so eleganten Übersetzung wie der von Wieland Grommes, das kann man nur begrüßen, wenn nicht gar feiern. Ganz frisch steht es da, genau hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in unbekümmerter Modernität. Denn Mirbeau schert sich nicht um die Romangesetze, sondern verwirbelt bestrickend die literarischen Genres, die er von der Satire bis zum Sittenbild à la Dickens, von der einfühlsamen Erzählung bis zur Haudrauf-Theaterkritik souverän beherrscht, und transportiert darin widerborstig seine politische Agenda. Die Kritik wies einst darauf hin, daß er dabei auch reichlich schon an anderem Ort Publiziertes einer Zweitverwertung zugeführt habe. Uns als Nachgeborene muß das nicht im geringsten kümmern, und den zuständigen Fachkräften bietet es Raum für spannende Detektivarbeit.

BURKHARD SCHERER

Octave Mirbeau: "Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers". Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Wieland Grommes. Manholt Verlag, Bremen 2000. 399 S., geb., 45,- DM.

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