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Rezension: Belletristik : Neun Tage und acht Nächte muss sie wandern

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Stephen Kings Roman vom Mädchen und dem Baseballgott der Boston Red Sox · Von Bernd Eilert

          Wo er große Wirkungen sah, pflegte Goethe große Ursachen zu vermuten. Deutsche Literaturkritiker neigen bei hohen Auflagen eher zu dem Verdacht, die Qualität eines Buches verhalte sich dazu umgekehrt reziprok. Stephen Kings letzter Roman "The Girl Who Loved Tom Gordon" ist in Amerika mit 1 250 000 Exemplaren gestartet worden. Das Risiko schien seinem neuen Verlag Scribner, in dessen Mutterhaus Simon & Schuster immerhin Autoren wie Don DeLillo veröffentlichen, kalkulierbar. Offenbar zu Recht, denn bereits unmittelbar nach Erscheinen, im April letzten Jahres, führte der Roman die amerikanische Bestsellerliste an. Und auch das überrascht niemanden, denn seit 25 Jahren, 1974 erschien sein Erstling "Carrie", gilt Stephen King nicht nur daheim as the world's premier horror novelist. Mit anderen Worten: He is American gothic. Seitdem hat er genügend geschrieben, um damit zwei längere Regalbretter zu überfüllen.

          Ich hatte bisher kein Buch von Stephen King gelesen. Allerdings fiel mir auf, dass einige Filme, die auf seinen Vorlagen basieren, durchaus ansehnlich waren: "The Shining", "Misery", "The Shawshank Redemption" - alle ließen darauf schließen, dass ihr Erfinder zumindest das wäre, was man in deutschen Fernsehredaktionen gern einen guten Plotter nennt. Erfolgreich war er sowieso. Nun aber, meldete das "Voice Literary Supplement": King wanted critical respect, too. "The Girl Who Loved Tom Gordon" sei der Versuch, als literarischer Autor ernst genommen zu werden, um - das sei Kings erklärtes Ziel - ein weibliches Publikum zu erreichen, das ansonsten keine Horrorromane lesen wolle. King ist über sein Ziel hinausgeschossen: Er verdient für diesen Roman nicht nur Respekt, sondern ein dickes Lob und er hat sogar einen männlichen Kritiker von seinem Talent überzeugt. Lob verdient er vor allem für seine erzählerische Ökonomie. Mit viel Aufwand mehr oder weniger Wirkung zu erzielen, ist nicht unbedingt große Kunst - mit so wenig Mitteln so viel Spannung und Anteilnahme zu erzeugen, setzt zumindest Kunstfertigkeit voraus. Der Film "The Blair Witch Project" hat nicht nur diesen effizienten Effekteinsatz mit Kings Roman gemeinsam. King beschränkt sich auf eine Hauptperson, ein halbes Dutzend Nebenfiguren, einen zentralen Schauplatz, drei, vier Nebenschauplätze, wenige Motive, die alle an einem stringenten Handlungsstrang hängen.

          Auf knapp 300 Seiten erzählt er die Geschichte der neunjährigen Trisha, die sich in den Wäldern Neu-Englands verirrt und einen Ausweg sucht und endlich findet. Neun Tage und acht Nächte wandert Trisha mit leichtem Gepäck und bedrückenden Gedanken durch eine immer bedrohlicher werdende Welt. Aus ihrem Bewusstseinsstrom erfahren wir etwas über ihren familiären Hintergrund und alles über ihren jeweiligen Zustand. Über laufende Rettungsaktionen erfahren wir dagegen nur das Nötigste. Was über Trishas Hoffnungen und ihre Ängste hinausgeht, wird kurz und knapp in Rückblenden und Parallelschnitten eingeblendet. Nur einmal weitet sich der Bildausschnitt zu einer pathetischen Totalen aus der Vogelperspektive - vielleicht der einzige Moment von angedeuteter Tragik. Ansonsten erleben wir den Wald durch Trishas sechs Sinne, und Trisha ist keine tragische Figur. Sie ist so intelligent, hartnäckig und erfinderisch wie ihr intelligenter Erfinder und sie bleibt optimistisch, trotz all der Probleme, die er ihr hartnäckig zumutet. In der frühen - Kinderpsychologen werden sagen: zu frühen - Reife dieser Neunjährigen liegt gewiss eine der großen Stärken der Geschichte, die andere liegt in der altersunabhängigen Nachvollziehbarkeit ihrer archetypischen Waldeinsamkeit. Wesentlich angemessener hätte sich auch kein erwachsener Held hier verhalten können. Woran erinnert uns das? An unsere Volksmärchen, gewiss. Rotkäppchen, Gretel, Schwesterchen, Schneewittchen und so weiter. Des Märchens Würze liegt allerdings auch in seiner Kürze. Sich kurz zu fassen freilich ist Kings Ehrgeiz nicht. Er startet rasant und hält sein Tempo über lange Strecken.

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