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Rezension: Belletristik : Neueste Nachrichten aus einer gefühllosen Welt

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Von nun an bestimmt das Verbrechen, das sich ganz in der Nähe der vier Personen zugetragen hat, jedes Gespräch und jede Handlung. Genauer gesagt, drängt sich die mediale Vermittlung der Untat in den Vordergrund. Zwar versuchen die beiden Paare, vor allem die Frauen, ihre Pläne für ein geruhsames Wochenende weiterhin umzusetzen, doch der Mord läuft auf allen Kanälen. Spätestens als das Video aufgefunden und unter öffentlichen Protesten von einem Fernsehsender ausgestrahlt wird, gibt es nur mehr ein Thema, das sich in Form von neuesten Nachrichten, Teletext und Extraausgaben ständig selbst weitererzählt.

Die Sensationsgier der Massen und die Pietätlosigkeit der Medien, dazu ein Verbrechen, das in seiner Abartigkeit ohne die Existenz dieser Medien gar nicht denkbar wäre - die moralisch entrüstete Medienkritik entspringt dem Sujet ganz von selbst. Sie ist in Glavinics Text denn auch von vielen Seiten hineingelesen worden, dabei handelt es sich dabei um den schwächsten Aspekt seiner Geschichte. Natürlich ist eine gewisse Kritik an den Medien ständig präsent; zumeist wird sie geschickt schon in die indirekten Dialoge der vier Protagonisten eingeflochten. Dort, wo die Vorbehalte direkt ausgesprochen werden, verliert der Text seine Dichte, weil hier der Bericht des Erzählers zum Vehikel einer kritischen Aussage gemacht wird. Im weiteren Verlauf des Texts ist es umgekehrt.

Hinter den geradlinigen Sätzen des Erzählers, oft einfach bis zur Einfältigkeit, verbirgt sich eine Spiegelkonstruktion, deren Verschachtelungen bisweilen atemberaubende Dimensionen annehmen. Zum Beispiel wenn wir, vom Erzähler vermittelt, jenen Fernsehbeitrag miterleben, in dem das Mordvideo ausgestrahlt wird. Der Mörder überzeugt die Kinder davon, daß sich ihre Eltern in seiner Gewalt befinden, was nicht stimmt. Wie in einer grausamen Parodie auf penetrante Nachmittagstalker fragt er dabei immer wieder die verängstigten Kinder nach ihren Gefühlen, und genau wie diese verweigert der Text eine Antwort. Es gibt nur noch die Oberfläche des Fernsehbildschirms; alles, was dahinter liegt - Motive, Zusammenhänge und Gefühle -, entzieht sich dem Wissen des Mörders, des Erzählers, des Zuschauers und des Lesers.

In der Schlußszene laufen die verschiedenen medialen Ebenen auch zeitlich und räumlich aufeinander zu, bis wir zusammen mit dem Erzähler und den Fernsehkameras geradezu "live" dabei sind, als der Mörder gefaßt wird. Ein bitteres Happy-End für einen äußerst vielschichtigen Text, der beiläufig auch auf Religion als Vorform medialer Inszenierung hindeutet, indem er die Entwicklung des Mordfalls in einer merkwürdigen Parallelität zu den kirchlichen Feiertagen schildert. Die erschütternde Wirkung der Novelle beruht aber nicht so sehr auf der kunstvollen Konstruktion, sondern vor allem auf der Tatsache, daß der letzte Spiegel das Gesicht des Lesers selbst reflektiert. Am Ende steht die unschöne Erkenntnis, daß wahre Medienkritik immer auch Selbstkritik bedeutet.

Thomas Glavinic: "Der Kameramörder". Novelle. Verlag Volk und Welt, Berlin 2001. 157 S., geb., 32,- DM.

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