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Rezension: Belletristik : Naturfreund, Volksfeind

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Biomachismo: T.C. Boyles Horrortrip · Von Heinrich Detering

          Was im Jahr 2026 vom blauen Planeten übrigbleibt, ist "das Sabbern der Hyänen". Es ist die Zeit der Aasfresser: Die Überlebenden nähren sich von den Resten einstigen Lebens. In der kollabierenden Biosphäre vegetiert eine immer noch wachsende Weltbevölkerung zwischen Sintflut und Dürre, Wirbelstürmen und Müllbergen. Wo offenes Land war, fressen sich Riesenstraßen durch Rodungsgebiete und über abrutschende Berghänge; in einstigen Reservaten breiten sich Neubaugebiete und Einkaufszentren aus, Millionenstädte sind der urbane Normalfall geworden. Nashörner und Elefanten sind Legenden der Vergangenheit, die Wälder gerodet, und was vom europäischen Weinanbau übrig ist, hat sich zurückgezogen ins Umland von Oslo. In Kalifornien ist derweil alles "naß und verschimmelt, Bücher zerfallen auf den Regalen, Nacktschnecken kriechen aus der Teekanne". Während hier die letzten amerikanischen Helden durch eine Welt waten, in der es nach "Endzeitschimmel" riecht, denken sie wehmütig zurück an die Zeiten, in denen noch über Wörter wie Global Warming oder El Niño debattiert wurde.

          Aus dieser Welt blickt der mittlerweile fünfundsiebzigjährige Naturschutzaktivist Ty auf die Jahre zurück, in denen alles anfing, damals, Anfang der Neunziger. Da stand auf seiner Visitenkarte als Berufsangabe nur "Ökoagitator". Damals vertraute die Ökobewegung noch auf die Vereinigung von Biologie und Esoterik, auf das Bündnis von "Tantra-Tussi" mit "Mutter Erde". Wer "mit dem inneren Selbst Kontakt aufgenommen" hatte, Batikshirts trug und zur Musik der Grateful Dead in Thoreaus Essays las, war damals dem Paradies nicht mehr fern; außer gutem Marihuana fehlten dazu nur noch Joghurt-Dips und Sojaburger. Seit jenen friedensbewegten Anfängen aber hat sich nicht nur der Ökoagitator gewandelt, sondern auch die Welt um ihn herum. Mit der Blockade eines Waldes in Oregon hat der Ausstieg in die Illegalität begonnen, und seither ist der Aktivist zum Desperado und Medienstar geworden, zum Einzelkämpfer gegen die Konzerne und, so sein sensationsträchtiger Beiname, zur "menschlichen Hyäne".

          Übertroffen wird Tys Ruhm nur noch durch den seiner Tochter, der Hungerkünstlerin und heiligen Märtyrerin der Bäume. "Damals", im Sommer 2001, ist sie nach dreijähriger Besetzung eines Redwoodbaumes entkräftet zu Tode gestürzt. Ein Vierteljahrhundert später führt nun der Vater ein Manuskript zu Ende, das einmal das Leben und Sterben der Tochter medienwirksam verklären sollte. Der Text gerät ihm zur desillusionierten Geschichte seiner Kämpfe zur Rettung der Erde - in jenem Augenblick, in dem beide am Ende sind. Im Wechsel zwischen vorher und nachher, zwischen Innen- und Außenansicht des Helden entsteht dabei ein schauerlich-tragikomisches Kippbild. Und unversehens gerät Tys wüste Geschichte zur Parabel über Avantgarde und Demokratie, Moral und Macht.

          Dabei besteht an krassem Realismus sowenig Mangel wie an grotesken Szenerien. Einen nicht geringen Teil seiner Überzeugungskraft bezieht Boyles Roman aus der Genauigkeit, mit der er die großen Visionen zuschanden werden läßt an der Gebrechlichkeit des Körpers. Wie fühlt es sich an, wenn man in der Mittagshitze auf einem entlegenen Forstweg ausharrt, mit betongefüllten Windeln eingemauert in eine Straßensperre? Wie verzehrt man Insekten? Und wie inszeniert man eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängniskrankenhaus, wenn man dabei ein hinten offenes Nachthemd trägt? Daß sich im Adam-und-Eva-Experiment die reale Wildnis nicht als Paradies, sondern als Höllenort erweist, müssen die Fans nicht wissen, die den Provokateuren zujubeln wie Propheten eines besseren Lebens - auch nicht, daß das Unternehmen einer Arche Noah in der Luxusvilla ein im Wortsinne bestialisches Ende nehmen wird. Nein, nicht nur die tote Tochter ist zum Opfer eines zunehmend wahnhaften Privatkriegs geworden, sondern auch Ty selbst. Es gehörte zu seiner revolutionären Strategie, das Private öffentlich zu machen. Daß er es dann restlos an die Öffentlichkeit verliert, war nicht eingeplant.

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