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Rezension: Belletristik : Nase im Nabel

  • Aktualisiert am

Junge deutsche Erotik · Von Kristina Maidt-Zinke

          Auf dem Schutzumschlag lockt ein edel fotografierter weiblicher Unterleib, dessen Feigenblattzone von schlanker Hand so züchtig wie verheißungsvoll bedeckt wird, während die Titelzeile "Bitte streicheln Sie hier!" den Nabel kokett umkurvt. Verführerisch verpackt sind sie allemal, die erotischen Geschichten von zweiundzwanzig Autoren der so genannten Grass-Enkel-Generation, die sich eigens für diese Anthologie in einem Genre versucht haben, das laut Klappentext und sowieso "ganz gewiss kein charakteristisch deutsches ist".

          Zur kulturellen Hypothek gesellt sich die biografische: Fast alle Teilnehmer des Experiments haben ihre Pubertät nach der sexuellen Revolution erlebt; etliche wurden erst nach der großen Befreiung gezeugt, vor der sich, wie selbst die Wegbereiter später wehmütig einräumten, Gott Eros erschreckt in die Wälder zurückzog. Ist er doch, so belehrt uns die Herausgeberin, die auf den wunderbar zarten Namen Susann Rehlein hört, "nicht Gott von Brunft und Fortpflanzung. Geschlechtsverkehr könnte ihn umbringen."

          Das immerhin scheinen die nachgeborenen Wort-Erotiker sich hinter die Ohren oder sonstige Körperteile geschrieben zu haben: Der nackte Akt bleibt in ihren Erzählungen Mangelware. Dafür haben sie die Aufgabe sehr ernst genommen. "Erotik zu buchstabieren", die Grenzen des Begriffs auszuloten, was vermutlich ein charakteristisch deutscher Ansatz ist. Sie tun es nach den Regeln des Zeitgeistes, der vor allem Ironie verlangt, das parodistische Spiel mit bekannten Mustern und den karikierenden Umgang mit Konventionen, ein kühles Interesse an körperlichen Vorgängen und das demonstrativ abgebrühte Wissen um die "Permanenz von Lust und Frust". Gelöste Sinnlichkeit, unbeschwert ausschweifende Genussfreude ist dieser denkfleißigen Schriftstellergeneration nicht gegeben; sie kompensiert den Mangel durch verblüffenden Einfallsreichtum im Hinblick darauf, welche Art von Text als "erotisch" durchgehen oder gar jene erotisierende Wirkung ausstrahlen kann, die uns Frau Rehlein im Vorwort verspricht.

          So ziehen die ersten vier Geschichten den Leser in "Hirn-Passionen" hinein, die zwar originell, aber nicht unbedingt appetitanregend sind: Bei Karen Duve verwandelt sich ein reichlich verklemmter Student in seinen Tagträumen in den "größten und niederträchtigsten Sklavenhändler Tangers", bei Kathrin Schmidt wird ein deutsch-russisches Liebespaar durch widerwärtige Anhäufungen von roher Schweineleber zusammengeführt; Silke Andrea Schuemmer lässt eine Braut zwischen krepierenden Pferden und einem insektenquälenden Vater über die bevorstehende Vermählung meditieren, und John von Düffel schwelgt ausgiebig in Jugenderinnerungen an die "fleischthekenhafte Üppigkeit" und den "Bierschinkengeruch" der familieneigenen Köchin.

          Da kommt Tanja Langers Titelerzählung, die tragikomisch und wollüstig die Liebeswallungen eines alternden Bibliothekars schildert, der Rehlein'schen Definition schon viel näher, nach der Erotik "das spielerische Übertreiben und Steigern einer Hoffnung" sein soll. Kerstin Hensels Heldin geht zwischen Lieberose, Blasdorf und dem Spitzberg auf Pilzsuche, findet "Wulstlinge, Dickstielritterlinge und die sonderbaren Drüslinge" und treibt darauf noch mit einem polnischen Waldschrat handfeste mykologische Studien: Das ist ein wenig manieriert, aber amüsant.

          Christoph Peters zelebriert im Supermarkt, "bei den Feigen, den Litschis, den Kumquats", die klassische, leicht schwüle Männerfantasie, die sich an der Rückenansicht einer jungen Türkin entzündet, an ihrem "Scheherezade-Haar" und ihrem "Araber-Hintern". Nach dieser Überdosis an Koriander, Safran und Wüstenglut mutet Kathrin Rögglas schnoddrig-coole "Bettgeschichte" in Grautönen trostlos oder auch erfrischend an, je nach erotischer Disposition. Offen bleibt die Frage, was unter einer "90er-Jahre-Erektion" zu verstehen sei, aber die durchgehende Kleinschreibung spricht für sich.

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