https://www.faz.net/-gr3-2di0

Rezension: Belletristik : Nach Island!

  • Aktualisiert am

Gudmundur Andri Thorsson feilt mit Ironie an der Patina

          Wer bei Island an klares Eis, rotbäckige Menschen und friedlich sprudelnde Geysire denkt, wird von Gudmundur Andri Thorsson unsanft geweckt. In seinem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts spielenden Roman "Nach Island!" ist die Verkommenheit weit fortgeschritten. Die Reykjavíkaner waschen sich selten und dann mit dem eigenen Harn, sie essen faules Haifischfleisch und riechen aus dem Mund. Das ist besonders lästig, weil sie sehr aufdringlich sind und jeder dem Besucher unbedingt sein Pferd verkaufen will. Töchter werden dem Durchfahrenden unentgeltlich aufs Zimmer geschickt.

          "Nach Island!" hat die Form eines Tagebuchs, in dem der aus London stammende Erzähler die Stationen seiner Enttäuschung festhält. Er ist auf der Suche nach sich selbst, denn seine Mutter, von der es heißt, dass sie bei seiner Geburt gestorben sei, ist Isländerin gewesen. Anstelle von Ursprung und Unschuld findet er eine kolonialisierte, mit Europas Lastern infizierte Gesellschaft, eine abweisende, monotone Landschaft und verdreckte Siedlungen, in denen sich Betrunkene und herrenlose Hunde jagen. Der Reisende ist selbst kein unbeschriebenes Blatt. Er flieht vor persönlichen Verwicklungen; Liebe, Eifersucht und eine grausame Rache am Nebenbuhler liegen ihm auf der Seele. Island wird zum Pandämonium seiner Gewissensqualen, das Erlebte schlägt in schwere Träume um, die sich mit den depressiven Eindrücken eines stagnierenden Landes vermischen.

          In der Verschränkung von Erlebnis und Selbstanalyse erinnert "Nach Island!" an Hofmannsthals impressionistische Erzählungen. Kunstvolle Übergänge führen vom Prosaischen ins Dämonische, von der unbeteiligten Beobachterhaltung in magische Besessenheiten. Das Erlösungsbegehren, das den Erzähler nach Island trieb, spiegelt sich dort im Kampf gegen die dänische Hegemonie. Doch auch die Volkshelden, die der Reisende begierig aufsucht, sind alt und müde geworden. Die Misere des Gastlands ist seine eigene. Beide haben ihre bessere Natur verraten. Seine isländischen Ahnen ließen sich mit Frau Welt ein und müssen nun dafür büßen. Die Ursünde geistert hohläugig durch den Roman. Das Tagebuch endet mit einer Selbstentleibung. Als er erfährt, dass seine Mutter noch lebt und von seinem Vater, einem englischen Edelmann, im Stich gelassen wurde, beschließt der Erzähler, seinem Leben durch den Sprung vom höchsten Berg Islands ein Ende zu machen - einen Sprung, den man als kathartisches Opfer lesen kann. Reizvoll ist Thorssons stellenweise packender Roman nicht zuletzt durch die historische Patina, mit der er das Reisetagebuch ausstattet, eine Umständlichkeit des Tons und der Emotionen, die der Lektüre einen fernen Raum eröffnet. Auch belebt "Nach Island!" eine bittere Ironie, die sich seltsam mit dem Pathos des Idyllensuchers vermischt. Als er bei einem Dichter vorspricht, um den es still geworden ist, funkelt der Mann ihn aus spöttischen Augen an. "Ich dichte nur noch Nachrufe auf andere Leute", sagt er: "Ist auch der einzige Stoff, der hier zu bekommen ist."

          INGEBORG HARMS

          Gudmundur Andri Thorsson: "Nach Island!" Aus dem Isländischen übersetzt von Helmut Lugmayr. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000. 204 S., geb., 36 DM.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.