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Rezension: Belletristik : Mythen im freien Fall

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Anfang der neunziger Jahre wurden Georgien, Armenien und Aserbaidschan unabhängig. Kurz darauf muß der Südkaukasus aus der Zeit gefallen sein. Wenn überhaupt, so denkt man ihn sich heute als Verwirrplatz unzähliger, vermeintlich uralter ethnischer Konflikte, von denen der bekannteste der zwischen Armeniern und Aserbaidschanern um Nagornyj Karabach ist.

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          Anfang der neunziger Jahre wurden Georgien, Armenien und Aserbaidschan unabhängig. Kurz darauf muß der Südkaukasus aus der Zeit gefallen sein. Wenn überhaupt, so denkt man ihn sich heute als Verwirrplatz unzähliger, vermeintlich uralter ethnischer Konflikte, von denen der bekannteste der zwischen Armeniern und Aserbaidschanern um Nagornyj Karabach ist. Oder man sieht ihn als strategisches Operationsgebiet, durch das in ferner Zukunft Öl aus dem Kaspischen Meer nach Europa gebracht werden soll. Wer europäischen Peripherien gegenüber kulturell aufgeschlossen ist, kann sich den Südkaukasus schließlich noch als mythischen Raum vorstellen, in dem Medea ihre Heimat hatte und Prometheus an den Fels geschmiedet wurde.

          Von historischer Echtzeit keine Spur, von literarischen Spuren keine Rede. Dabei fanden Georgier, Armenier und Aserbaidschaner fortwährend Worte für ihre wandelbare Umwelt. Während der siebzigjährigen Sowjetzeit hatte dies unter einheitlichen sozialistischen Vorgaben zu geschehen. Einige Schriftsteller verstummten ganz oder schrieben für die Schublade. Viele aber fanden ihren Platz in den volkstümlichen Nischen der von Moskau dekretierten jeweiligen Nationalliteratur. Darin mag ein auferlegter Rückschritt gesehen werden. Zumindest war man, wenn man den Brudervölkern angehörte, einigermaßen mit den fremden Erzählungen vertraut.

          Im kleinen Kappa-Verlag liegt nun ein deutschsprachiger Überblick zur Literatur aus den drei ehemaligen Sowjetrepubliken vor. Die Anthologie enthält 52 Gedichte und Erzählungen aus über tausend Jahren. Bis auf einen Auszug des georgischen Nationalepos "Der Recke im Tigerfell" von Schota Rustaweli und einige andere Texte erscheinen sie erstmals in deutscher Übersetzung. Die beiden Herausgeber Marianne Gruber und Manfred Müller baten drei einheimische Literaturexperten, die Auswahl zu treffen und für die Übersetzung zu sorgen. Die wiederum wollten offenbar kein Risiko eingehen und haben Autoren ausgewählt, die in den drei Ländern als Klassiker gelten.

          Einer der merkwürdigsten Texte der Sammlung ist der des armenischen Schriftstellers Howhannes Tumanian: Ein Mann kommt in ein Dorf, dessen Bewohner keine Axt kennen, und fängt an, Holz zu hacken. Mit dieser an Raymond Carver erinnernden Konstellation beginnt "Bruder Axt", eine Kürzestgeschichte von 32 Zeilen. Die Bauern kaufen dem Mann das begehrte Werkzeug ab. Der Bürgermeister benutzt es als erster. Er verletzt sich. Die Bauern wollen die Axt, die sie "Bruder" nennen, bestrafen und werfen sie ins Feuer. Es nützt nichts. Die Bauern rufen: ",Bruder Axt ist wütend, schaut her, wie er glüht. Es dauert nicht lange, und er straft uns. Was sollen wir tun?'" Tumanians in bestürzender Lakonik erzählte Geschichte endet in einem Inferno. Die Bauern beschließen, die Axt einzusperren. "Sie brachten sie zum Kornhaus des Bürgermeisters", schreibt Tumanian weiter. "Das Kornhaus war voller Stroh. Kaum hatten sie die Axt eingesperrt, schon brannte es, die Flammen stiegen zum Himmel. Erschrocken liefen die Bauern zum Besitzer, sagten: ,Um Gottes willen, bring Bruder Axt zur Vernunft!'" Man ist versucht, "Bruder Axt" als Allegorie auf die zum Flächenbrand stilisierten ethnischen Konflikte zu verstehen: Die Einheimischen können des fremden Bruders nicht Herr werden - je mehr sie es versuchen, desto verheerender sind die Auswirkungen. Diese Lesart hatte der Lyriker und Essayist Tumanian kaum im Sinn, als er vor hundert Jahren den alten armenischen Erzählstoff verarbeitete. In der Tradierung spiegelt "Bruder Axt" eher die Angst der ländlichen Bevölkerung, vom Fortschritt überrollt zu werden.

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