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Rezension: Belletristik : Musterschüler des Unkorrekten

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Man kann natürlich immer sagen, daß eine Gesellschaft die Romane bekommt, die sie verdient. So wie man nach einem Amoklauf oft hört, das eigentliche Problem sei im "gesellschaftlichen Umfeld" auszumachen. In beiden Fällen ist der Bescheid jedoch so lange nichtssagend, wie kein genauer Aufschluß über die Grenzen sozialer Determinierung erhältlich ist.

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          Man kann natürlich immer sagen, daß eine Gesellschaft die Romane bekommt, die sie verdient. So wie man nach einem Amoklauf oft hört, das eigentliche Problem sei im "gesellschaftlichen Umfeld" auszumachen. In beiden Fällen ist der Bescheid jedoch so lange nichtssagend, wie kein genauer Aufschluß über die Grenzen sozialer Determinierung erhältlich ist. Gesellschaftskritische Romane leben von der Distanz zum Kritisierten, die sie geltend machen.

          Schon der Titel "German Amok" weckt wohlig schauernde Erwartung. Erst recht aber die ominöse Formulierung "Zeit für infernalische Dekadenzen", die dem Text wie ein Losungswort voransteht, läßt das Schlimmste hoffen. Sage niemand, wir seien nicht gewarnt! Ein "drastischer Ton" herrsche in diesem Buch, hat uns der Autor vorab wissen lassen, aber das sei eben "der Ton unser Zeit". Und der klingt so: "Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen: ein ennuyantes Warzenmädchen, mittelgroß und mittelmäßig, in diesem Moment bis auf eine Perücke in Hauchrosa völlig nackt und deswegen für die älteren Herrschaften im Publikum eine Augenweide. Es ist ihr Abend und ihre Vorstellung, sie reißt ihr blödes Mäulchen auf, um vor versammelter Mannschaft (die Männer sind natürlich in der Mehrzahl!) eine Ansprache zu halten, an der sie wochenlang gefeilt haben muß."

          So schonungslos macht gleich der erste Absatz alles klar. Dekadente Künstlerszene, obszöner Voyeurismus, zynische Misanthropie. Die Figuren heißen "Kunstfotze" oder "Mongo-Maniac", die Handlung spielt in "dieser für immer verfluchten und vergammelnden Metropole", also in Berlin, das Interesse gilt vornehmlich den stumpfsinnigen Sexualpraktiken ihrer Einwohner, und das Ganze wird so platt und maulaufreißerisch präsentiert, daß sich der Roman in nichts von den Peinlichkeiten der Gesellschaft unterscheidet, die er karikieren will.

          Gefragt ist, was schockiert. Frustrierter Kunstmaler mit Libido-Überschuß und Geldmangel versucht sich erfolglos als Kuppler, Schächter oder Callboy durchzuschlagen, bevor er sich auf seine autoaggressive Nachbarin und auf ein ABM-Theaterprojekt in der brandenburgischen Provinz einläßt, wo er die Gruppenrituale westdeutscher "Frontlesben" wie ostdeutscher "Dorftrampel" und "Sklaven" stört. Dazu übt er sich in diversen Gewalt- und analen Kopulationsakten und produziert schließlich als Bühnenbild für die Workshop-Aufführung eine "Nachahmung der Mauer als Pornowall", die er als "billige Provokation für die billigen Neudeutschen" entwirft. Darf es noch etwas mehr sein?

          Es darf. "Totalgas" heißt der geplante letzte Akt des Stücks, zu dem die Darsteller sich Duschhauben aufsetzen, derweil tödliches Gas aus monströsen Düsen strömt. Sobald nämlich des Erzählers Anstrengung zu ordentlich provozierenden Ferkeleien zu erschlaffen droht, kann nur der ultimative deutsche Tabubruch noch für Abwechslung sorgen. So jämmerlich verbissen ringt dieser Roman um politische Inkorrektheit, und so rührend war schon länger niemand um seinen Ruf als tadelloser Skandalautor bemüht.

          Keine Frage, wir verdanken Feridun Zaimoglu scharfsichtige, wortmächtige Reportagen aus den türkisch-deutschen Zwischengängerzonen unserer Gesellschaft. Doch seit sein furioses Debüt "Kanak Sprak" zum Gegenstand soziolinguistischer Hauptseminare geworden ist, hat er sich vornehmlich der Pflege klassischer Literaturgattungen verschrieben. "Liebesmale, scharlachrot" versuchte vor zwei Jahren, die unzeitgemäße Form des Briefromans wiederzubeleben, nun mag man bei "German Amok" an späte Brechungen des Künstlerromans denken, an jenes schöne deutsche Genre bürgerlicher Selbsterfindung.

          Aber man mag nicht. Mit Ausnahme einer kurzen Szene im Schlachthof, die Zaimoglus Gabe für groteske Miniaturen erneut unter Beweis stellt, ist dieser Text von so unkomischer Pointensucht und so lustloser Großspurigkeit getrieben, daß er die Schweißperlen nicht lohnt, die über seinen grimmen Posen vergossen worden sind. Was immer "Amok" sonst bedeuten mag, hier heißt es einfach Leerlauf.

          Feridun Zaimoglu: "German Amok". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002. 256 S., geb., 18,90 [Euro].

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