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Rezension: Belletristik : Muß ich Rom mögen?

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Der Manesse Verlag legt einen Band aus dem umfangreichen Werk von Louis Couperus (1863-1923) vor. Die Versuche, den Autor in den letzten Jahren den deutschen Lesern vorzustellen, waren wenig erfolgreich. Daß es diesem Buch anders erginge, wäre zu hoffen. Couperus, dessen Vater als Regierungsbeamter ...

          Der Manesse Verlag legt einen Band aus dem umfangreichen Werk von Louis Couperus (1863-1923) vor. Die Versuche, den Autor in den letzten Jahren den deutschen Lesern vorzustellen, waren wenig erfolgreich. Daß es diesem Buch anders erginge, wäre zu hoffen. Couperus, dessen Vater als Regierungsbeamter auf Java tätig war, verbrachte dort fünf Jahre seiner Kindheit und Jugend; eine lebenslange Neigung zum Exotismus, der als Trumpfkarte gegen die honette Bourgeoisie seiner Heimat ausgespielt wurde, mag mit diesem frühen Erleben zusammenhängen. Sein erster Roman jedoch, nach dessen großem Erfolg 1889 der Autor seinen Lehrerberuf aufgeben konnte, war eine realistische Gesellschaftsschilderung aus seiner Heimatstadt Den Haag. Fortan wechselten sich in dem umfangreichen OEuvre Realismus und Exotik ab - letztere gerne im Bunde mit einer phantastisch überhöhten Antike: Heliogabal, Alexander. In glücklichen Momenten nähert sich das Schaffen Couperus' jener eigenartigen Synthese aus exaktem Naturalismus und phantastischem Symbolismus, wie sie in jener Zeit vor allem auf dem Theater sichtbar wird.

          Mit einem - größeren - Zeitgenossen wie Thomas Hardy sowie mit den französischen Naturalisten teilt Couperus ein fasziniertes Interesse am "Schicksalhaften". Während manche früheren Werke noch eine Art Zolaschen Determinismus zugrunde legen, wird dann das Thema komplexer (und vielleicht wirklich in gewisser Weise "orientalischer"): Der Zwang, der uns beherrscht, ist nicht weniger lähmend, aber es bleibt unbegreiflich - es können nicht mehr irgendwelche biologistischen oder milieutheoretischen Hilfskonstruktionen zu seiner Erklärung bemüht werden. Er dominiert als ungelöste Frage. Der deutsche Titel des nun in einer guten Übersetzung vorgelegten Werkes - "Die langen Linien der Allmählichkeit" - ist eine schöne, treffsichere Abwandlung des etwas anders lautenden Originals: "Langs lijnen van geleidelijkheid" ("Die Linien der Allmählichkeit entlang"). Diese Formulierung schlägt das Zentralthema an, das sowohl in den Gesprächen der Romanfiguren wie in der Reflexionsprosa des Autors immer wieder anklingt: Wie finden die Menschen die "Linie" ihres Lebens? Der Begriff scheint naiv, aber er changiert doch recht komplex zwischen der Idee des sinnvollen Lebensplans; der Vorstellung von einer gültigen Form, die dem Wesen des Individuums entspricht; und so etwas wie der charakteristischen, befriedigenden Kontur der (ästhetisch aufgefaßten) Existenz. Der Gegensatz zur konsequent und unverwandt verfolgten Linie ist die Arabeske. Als das geheimnisvolle Prinzip, das Linien vorgibt, die nicht unsere sind, denen wir aber doch folgen, mag die "Allmählichkeit" gelten.

          Insofern nimmt der durchaus realistische, das heißt mit gesellschaftlicher Realität (und etwas sensationeller Zufälligkeit) gesättigte Roman symbolistische Züge an. Er inszeniert den in der Literatur seiner Epoche beliebten Gegensatz zwischen den Welten des Nordens und des Südens mit einem ironischen Tableau des Tourismus: Die Heldin, eine junge, schöne, geschiedene Haagerin, begegnet in Rom einem Repertoiretheater von altbekannten Figurinen: spleenige Engländerin, intriganter Jesuit, naive amerikanische Erbin, verträumter Ästhet, verführerischer aristokratischer Mitgiftjäger. Doch ihr den Leser mit seltsamen Peripetien überraschendes Hin und Her zwischen den Männergestalten, ihre Kapitulation an der Brust des brutalen Ex-Ehemanns sind angelegt als Demonstration einer Unbegreiflichkeit, welche diese emanzipierte Frau (die sich in den ersten Kapiteln hinsetzt und eine politische Broschüre schreibt) einholt.

          Die Lektüre dieses hundert Jahre alten Romans, der soviel von der Atmosphäre seiner verschollenen Moderne hat und so vertraut und so altmodisch wirkt, hat etwas unerwartet Bewegendes. Die Wiederkehr des vertrauten, banalen, unzufriedenen Kummers, dem man in der Gegenwart von Angesicht zu Angesicht mit einem Achselzucken begegnen würde, ist im Kostüm von 1900 beunruhigend. Er ist nicht "zeitlos", aber er gehört unabgegolten zur longue durée einer Neuzeit, in der als die "aktuellen Fragen" benannt werden: der Feminismus, der Sozialismus, der Friede. Können wir die Vergangenheit begreifen? Die Frage wird im Roman zwischen den Ruinen Roms immer wieder quasi gereizt gestellt; der Romananfang enthält eine hübsche Schilderung der schuldbewußten Irritation einer Rom-Touristin, der die Ewige Stadt gleichgültig bleibt. Der Roman legt die Frage nach einem Jahrhundert dem heutigen Leser wieder vor und wird selbst zu ihrem Gegenstand: Können wir seine Vergangenheit, die Vergangenheit seines Publikationsdatums 1900 noch begreifen? Sie ist uns sehr nahe, eine Lektüre des ein wenig unbeholfenen, ein wenig unheimlich-ratlosen Romans führt es dem Leser vor.

          Louis Couperus: "Die langen Linien der Allmählichkeit". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens. Manesse Verlag, Zürich 2002. 479 S., geb., 22,90 [Euro].

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