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Rezension: Belletristik : Morgen in der Schlacht denk an mich

  • Aktualisiert am

Ein Roman von Javier Marías als Vorabdruck in der F.A.Z.

          Wenn alles anders gekommen wäre, sagt Javier Marías, wäre dennoch das meiste beim alten geblieben: Er schreibt, wie er schreibt, und der Erfolg stellt sich ein oder bleibt aus. Bei ihm hat er sich eingestellt, auf überwältigende Weise sogar, aber man darf nicht denken, dieser Erfolg wäre ein deutsches Phänomen. Vielmehr sind wir so ziemlich die letzten, die sich von der Qualität dieses außergewöhnlichen spanischen Schriftstellers haben überzeugen lassen, und wenn das Fernsehen dabei geholfen hat, soll es recht sein. Jetzt haben wir die Lektion begriffen. In wenigen Tagen nimmt Javier Marías in Dortmund den mit 20000 Mark dotierten Nelly-Sachs-Preis entgegen.

          Drei Romane liegen bisher auf deutsch vor. Die ersten, "Alle Seelen" (Todas las almas) und "Der Gefühlsmensch" (El hombre sentimental), verkauften sich schlecht. Nach der diesjährigen Neuauflage von "Alle Seelen" warf sich ein Kritiker in die Pose der Zerknirschung und bekannte, die wichtigsten Kritiker (wie er selbst etwa) hätten das Buch damals übersehen, dergleichen dürfe nie wieder vorkommen. Das dritte Buch, "Mein Herz so weiß" (Corazón tan blanco), wurde ein Bestseller, der für literarisch anspruchsvolle Titel ein neues Maß setzte.

          In der Tat wäre hier ein Rätsel zu lösen: Haben wir in diesem Land eine halbe Million Leser, die der nicht ganz simplen Geschichte dieses Romans gerne und willig folgen? Offenbar. Dann sind auch lange, geschliffene Sätze wieder gefragt, eine raffiniert verschachtelte Handlung und eine gewisse Heimtücke in der Menschenschilderung, Tugenden, die Marías in Vollkommenheit vorführt. Dann steht es um den Appetit jener Kunstzüchtung der Werbestrategen, des "Normallesers", nicht so schlecht, wie gern behauptet wird.

          Der neue Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" (Mañana en la batalla piensa en mí), den wir von morgen an in dieser Zeitung vorabdrucken, gibt sein Thema schon auf der ersten Seite preis: Ein Mann hat bei einer verheirateten Frau zu Abend gegessen, der Ehemann ist fern in London, das Paar beginnt sich auszuziehen, da geschieht das Ungeheuerliche: die Frau stirbt. Und die Welt des Mannes, des Verführers, der keiner werden konnte, fällt auseinander.

          Von dieser Szene aus erkundet Marías die menschliche Umgebung der Toten: ihre Familie, in die der Erzähler sich riskanterweise einschleicht, denn niemand kennt seine Rolle als prospektiver Liebhaber; ihren Ehemann, dessen Londoner Geschäftsreise nun anrüchig wirkt; und den Erzähler selbst, der die Galerie von Marías Hauptfiguren (ein Dozent, ein Opernsänger, ein Dolmetscher) um einen Drehbuchschreiber bereichert: Menschen, die von Berufs wegen Botschaften übermitteln und sie im selben Zug entstellen und verfälschen. Auch der neue Roman handelt von der Täuschung, und wie er sie zelebriert, wie er die Macht des Möglichen gegen die Eindeutigkeit und Banalität des Geschehenen behauptet, darin erweist sich Javier Marías als Schüler von Proust und Nabokov.

          Überhaupt hat der 1951 geborene Madrilene die literarische Szene gehörig durcheinandergebracht. Er ist, wie jeder Satz, jede Formulierung zeigt, ein elitärer Schriftsteller. Er wirbt nicht um den Leser, macht keine Zugeständnisse und verzichtet auf alles Kumpelhafte. Dafür ist er ein bestrickender, manchmal auch dämonischer Verführer, und für diese Kunst muß er sein Reich aus Wörtern keine Sekunde lang verlassen. Sein Stil, den Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn mit viel Geschick ins Deutsche gebracht haben, beruht auf wiederaufgenommenen Schlüsselszenen, einem ebenso virtuosen wie nervösen Recycling von Sätzen, Gedanken und Gesten. Wie bei alten Häusern könnte man von einem Spuk sprechen, der hier durch die Sätze weht. Wir lesen weiter, weil wir wissen wollen, welche Ungeheuer noch auf uns warten, wir fürchten sie ebenso, wie wir sie herbeisehnen, damit der Spuk entweder ein Ende hat oder sich ins Unendliche fortsetzt. Marías zeigt abermals, daß es nicht viel Wirklichkeit braucht - ein Schlafzimmer, ein Taxi, ein paar dunkle Straßenecken bei Regen -, um den Alltag zu einem anstößigen Geheimnis zu machen. PAUL INGENDAAY

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