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Rezension: Belletristik : Mit offener Brust und fliegendem Haare

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Als unser einflußreichster Literaturkritiker sich dazu hatte verführen lassen, zwanzig deutschsprachige Romane für kanonisch zu erklären, waren unter anderen wohl auch die Liebhaber Jean Pauls und Arno Schmidts verwundert darüber, daß ihre Favoriten hier fehlten, doch konnten sie sich mit dem Gedanken ...

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          Als unser einflußreichster Literaturkritiker sich dazu hatte verführen lassen, zwanzig deutschsprachige Romane für kanonisch zu erklären, waren unter anderen wohl auch die Liebhaber Jean Pauls und Arno Schmidts verwundert darüber, daß ihre Favoriten hier fehlten, doch konnten sie sich mit dem Gedanken trösten, daß diese Pflichtlektürenliste für den gebildeten Deutschen, der die schwülstigen "Elixiere des Teufels" einem "Hyperion", einem "Heinrich von Ofterdingen" oder einem "Siebenkäs" vorzieht, offensichtlich nicht nur literarischer Qualität, sondern auch leichter Eingängigkeit verpflichtet ist. Statt verärgert zu sein, fühlten sich die von der Auswahl Enttäuschten also wohl eher als eine Art Leseelite bestätigt. Denn wer die Schwierigkeiten, die sprachliche und erzählerische Besonderheiten oder auch humoristische Vertracktheiten bieten, nicht als Hemmschwelle, sondern als Anreiz betrachtet, wird diesen Vorschlag eines Kanons als Ausdruck des Literaturverständnisses einer auf Dauervergnügen getrimmten Gesellschaft werten, das von Lesefreuden, die erarbeitet sein wollen, nichts weiß.

          Fortschrittsgläubige des neunzehnten Jahrhunderts hatten von einer künftigen Verbreiterung der Bildungsschichten auch eine Verfeinerung und Vertiefung des Kunstverständnisses erwartet, so der junge Ludwig Börne zum Beispiel, der die Hochschätzung Jean Pauls, die er in seiner Zeit vermißte, optimistischerweise in ferner Zukunft zu sehen glaubte. In seiner Gedenkrede auf den Autor des "Siebenkäs" und der "Flegeljahre" trauerte er nicht nur um den von ihm gepriesenen Verstorbenen, sondern auch um jene vielen Leser, die seine Größe noch nicht hatten erkennen können. "Aber", so fuhr er fort, "eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme" - womit der Prophet zwar nicht gänzlich irrte, aber in seiner Begeisterung übers Ziel doch etwas hinausgeschossen war.

          Denn statt des Lesevolks kamen im zwanzigsten Jahrhundert erst Stefan George und seine Jünger, die Jean Paul zur "größten dichterischen Kraft der Deutschen" kürten, aber damit nur den lyrischen Seher meinten. Es kam Eduard Berend, der Gelehrte, der sein Leben ganz der Jean-Paul-Forschung widmete und die große, erst in unseren Tagen komplett werdende Historisch-kritische Gesamtausgabe ins Leben rief. Es kamen einige Autoren und Professoren, die Jean Paul neu als Realisten oder Surrealisten, als christlichen Denker und Philosophen oder auch als Revolutionär entdeckten, ihn im Zuge der historischen Neubewertung nach dem Zweiten Weltkrieg in der Hierarchie unserer literarischen Erbschaft höher stuften und ihn verstärkt zum Thema der Seminare und Dissertationen machten, was die Flut der Sekundärliteratur über ihn anwachsen ließ.

          Da aber auch die belletristischen Verlage Jean Paul immer wieder mal druckten und der Hanser-Verlag eine vortreffliche Studienausgabe sämtlicher Werke herausbrachte, die mehrere Auflagen erlebte, war in den sechziger und siebziger Jahren häufig von einer Jean-Paul-Renaissance die Rede, und die Verkaufserfolge ließen vermuten, daß sich die Prophezeiung Börnes mit Verspätung von einem Dreivierteljahrhundert doch noch erfüllt hätte: Doch sind Zweifel hier angebracht. Gäbe es eine Statistik, die statt der gekauften die gelesenen Bücher erfaßte, würde man sicher zu der Erkenntnis gelangen, daß auch an der Schwelle des neuen Jahrhunderts das inzwischen zahlreicher gewordene Lesevolk den "Hesperus"-Autor noch nicht erreicht habe - und ihn wahrscheinlich, wie das Lächeln des Wartenden andeuten könnte, auch nie erreichen wird.

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