https://www.faz.net/-gr3-6q2uh

Rezension: Belletristik : Mit großer Würde rückwärts rudern

  • Aktualisiert am

Alessandro Baricco plaudert über das Unheil der Neuen Musik / Von Eleonore Büning

          4 Min.

          Es kommt öfters vor, dass ein Autor nicht genau weiß, worüber er schreibt. Seltener ist der Fall, dass ein Autor weiß, dass er nicht weiß, worüber er schreibt. Gibt er das offen zu, hat er beim Leser den ersten Punkt gemacht. Sein neues Buch, so bemerkt Alessandro Baricco im Vorwort verschmitzt, folge "dieser speziellen Form der Guerrillataktik". Es klopft nur aphoristisch auf den Busch. Vieles ist nicht so gemeint, anderes begrifflich unscharf, manches gilt nur lokal für sein Heimatland Italien. Und "selbst dort, wo es Antworten formuliert, sucht es in Wirklichkeit nur nach ihnen".

          Baricco, der sich binnen kürzester Frist mit neoromantischen Romanen wie "Seide" und "Land aus Glas" eine begeisterte, vorwiegend weibliche Leserschaft erschrieb, hat in seinem früheren Leben den Beruf eines Musikkritikers ausgeübt. Aus jener Zeit stammen die vier Essays, die er jetzt, bekränzt mit Vor- und Nachwort und angeführt von einem mehrheitsfähigen Klassikerzitat, zu einem Lesebuch zusammengefasst hat. Das Klassikerzitat stammt aus Hegels Vorlesungen zur Ästhetik und spricht tröstlich von der seelenerhebenden, menschheitsbessernden Macht der Musik. Auf dem Fuße folgt ein zweites, prosaischeres Motto, welches über die gesteigerte Milchproduktion von Musik hörenden Kühen in Wisconsin informiert. Baricco umreißt damit das Feld, auf das er sich begeben will: Da letzteres Phänomen empirisch erhärtet, aber nicht erklärbar ist - das erste Motto aber eine schöne Utopie ohne jeden Beweisnotstand entwirft, sind die Türen für Spekulationen sperrangelweit offen. Wie geht es der Musik heute? Wie wirkt sie, was nutzt und wo schadet sie? Tatsächlich treten diese sieben Jahre alten Texte aus der Schublade eines Musikkritikers mit dem Anspruch auf, einige Übel bei der Wurzel zu packen. Sie stellen bekannte Rituale des herrschenden Musikbetriebs an den Pranger und rufen zu Umkehr oder zu einem ersten Umdenken auf. Nur wie und wohin? Schon beißt sich die Guerrillakatze in den eigenen, bunt geringelten Schwanz.

          Im ersten Kapitel beklagt Baricco wortgewandt den Graben zwischen so genannter Unterhaltungs- und so genannter ernster Musik. Geschenkt. Er mokiert sich zweitens über das falsche Vornehmtun der E-, kritisiert drittens den Warencharakter der U-Musik und ärgert sich viertens über die kommerzielle Verwertung, der heutzutage selbst Ideenkunstwerke im Hegel'schen Sinne wie etwa Beethovens Neunte unterworfen seien. Auch das alles so richtig wie traurig, aber wahr. Man beginnt sich zu langweilen und verlegt sich darauf, des Autors rhetorische Begabung zu bewundern und seine geübte Kunstfertigkeit, ein blumen- und bildreiches, inhaltsleeres Bonmot nahtlos an das nächste zu hängen. Zum Beispiel: "Von der Moderne bedroht, rudert der Konsument ernster Musik mit großer Würde rückwärts, in der Furcht vor den Strudeln der Zukunft und voller Sehnsucht nach den immer ferneren friedlich sprudelnden Quellen." Wunderbar gesagt. Oder: "Bei kulinarischem Musikkonsum und ohne Vermittlung werden selbst die größten Meisterwerke der ernsten Musik wieder zu dem, was sie ursprünglich waren: brillante Verführungsmechanismen, wenn nicht gar reine Konsumprodukte." Auch diese feine Formulierung hält einer Sinn-Überprüfung nicht stand. Im folgenden Kapitel über Interpretation und Werktreue werden weitere Halb- und Binsenweisheiten zu hübschen, neuen Körbchen geflochten: "Das Original gibt es nicht" (Stimmt). "Im Interpreten begegnet das Werk einer neuen Welt, in der es sich niederlassen will" (Toll). "Die Interpretation arbeitet mit den Schwächen des Werks" (Stuss). Und so weiter. Aber dann, im Kapitel über die Neue Musik, schießt der Spaß-Kommandante Baricco plötzlich überraschend aus der Hüfte, und zwar mit scharfer, polemischer Munition.

          Weitere Themen

          Von Schwänen und Apothekerinnen

          Marthalers „Das Weinen“ : Von Schwänen und Apothekerinnen

          Metamorphose mit Nebenwirkungen: Mit seinem Theaterabend „Das Weinen (Das Wähnen)“ verbeugt sich Christoph Marthaler vor den Texten Dieter Roths. Die Inszenierung feiert das Glück, das aus der Abwesenheit von Leid entsteht.

          Topmeldungen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte Filiale schließen.

          Sparbemühungen : Deutsche Bank trimmt sich für Fusionen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte deutsche Filiale schließen, um zu sparen. In der Branche wird jetzt immer lauter über Zusammenschlüsse diskutiert. Offen ist, wie die Aufseher das Vorhaben sehen.
          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.