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Rezension: Belletristik : Mit Elefanten und Trompeten

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Neue Prosa von Elke Erb, der Spezialistin für die Veränderung

          Will man die Vermutung begründen, daß es sich bei den Werken von Elke Erb um große Dichtung handelt, dann kann man auf den wesentlichen, der Gegenwart angehörigen Inhalt hinweisen - die Beschreibung hochkomplexer seelisch-geistiger Abläufe -, der eine angemessene, auf der Höhe der modernen Poetik stehende Form (die "feldhafte Erörterung") gefunden hat. Eine Spezialistin für Veränderungsprozesse, legt Elke Erb nun eine Chronik der Jahre 1989 bis 1995 vor, die neben Prosastücken einige Gedichte enthält.

          Der Band setzt mit dem Tagesprotokoll des 1. September 1989 ein ("Von früh bis abends"). Geschrieben auf Bitten von Christa Wolf zum 50. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen, bricht der Text mit den Konventionen des Gedenkens, die man von ihm erwartet haben mochte, um der individuellen Erfahrung Ausdruck zu geben, die dann auch das Gedenken einschließt. So wird der Leser auf ein ungewöhnliches Buch eingestimmt. Elke Erbs Äußerungen bedürfen keines Banners; was sie zu sagen hat, ist in ihrer Arbeit - Dichtung, Übersetzung, Edition - verantwortet.

          Zwei Schwerpunkte lassen sich ausmachen: die poetologische Untersuchung der Gegenwartslyrik, die im Falle Sascha Anderson, zu dessen Analyse Elke Erb dreimal ansetzt, außerordentliche Einsichten über die Stasi-Mitarbeit des Dichters erbringt; zum andern die gesellschaftlichen Veränderungen seit 1989, die für die DDR Demokratie und Marktwirtschaft - "die Leistungs- und Bewegungsfreiheit (folglich Intelligenz!) des Kapitalismus" - brachten und mit der Vereinigung eine Diskussion deutscher Identität, auf die hier, ohne das Thema zu strapazieren, Stücke über Dresden und das Heimatdorf Elke Erbs in der Eifel antworten. Wenn sie ein Deutsch schreibt, so körnig und zugleich spirituell, daß man es für endgültig verschüttet gehalten hatte, dann wohl auch wegen der nicht endenden Auseinandersetzung, die die moderne Poesie mit der vormodernen, agrarischen, "zurückgebliebenen" Welt eingeht.

          Kindheitserinnerungen aus der Eifel. Übersetzungen aus den Sprachen des Ostens, der Arbeitsalltag einer Mutter - dies alles sind Gehalte, die sich einer stromlinienförmigen Modernisierung verweigern. Deshalb ist die Ansicht von Elke Erb als ausschließlich intellektueller Dichterin schief. Sicher wimmelt bereits das graphische Bild ihrer Gedichte von Frage- und Ausrufezeichen und läßt so an eine Abfolge von Erkenntnissen denken, die zum poetischen Prinzip erhoben wird. Aber die Intelligenz kreist nicht in sich selbst, sondern bewährt sich in der Art, wie man die Welt einrichtet - "umgänglich, vielseitig" lautet ihre bündigste Definition. So hält die hochreflektierte Dichterin Abstand zum Rationalismus.

          "Draußen regnet der heilige Frühling" - diesen Satz, mit dem das philosophische Langgedicht "Winkelzüge" begann, trifft man in allen Versionen wieder: hand- und maschinenschriftlich faksimiliert, zitiert und als Gegenstand der Kommentierung; leicht ist er als der Schlüsselsatz nachzuweisen, um dessen Rechtfertigung auch die Prosa bemüht ist. Und gewiß gilt für seine raumschaffende Geste, was Elke Erb in einem Interview über ihr Schreiben äußert: "Na, das möchte ich doch behaupten, daß ich nicht mit weniger daherkomme als mit Elefanten und Trompeten, also mindestens! Mit Trara. ,Gedöns' sagt man im Rheinland." Aber er hat seinen Grund auch darin, daß die 1938 geborene Dichterin weiß, was Unheil und verordnete Öde bedeuten.

          Als deren Bild erscheint die "verschmorte", immer schwarze Stadt Halle, in der Elke Erb von 1949 bis 1966 lebte. Nur eine Kategorie des Mythos taugt wirklich zu ihrer Beschreibung: "Tartaros", der Verbannungsort der Titanen; als "thronende Unterlegenheit" wird das Verhalten dieses gestürzten, um seinen Kult gebrachten Göttergeschlechts genau umschrieben. Der Dichterin, die sich aller programmatischen Aussagen zur Mythologie enthält, gelingt das Unwahrscheinlichste: die zwanglose Aufnahme religiöser Erfahrung in einen modernen Reflexionsprozeß. Südfranzösische Eindrücke, die das kurze Stück "Bei Bordeaux" skizziert, weisen in eine ähnliche Richtung: "So viele Saint in diesem Land . . . an so vielen Orten, daß im Postleitzahlenbuch nach dem St. das Alphabet wohl noch einmal erscheint." Als sie eine kleine Szene unerwarteter Freundlichkeit erlebt, findet sie eine überraschende Deutung: "Vielleicht, denke ich (und tauche im Kopf), sind sie verknüpft wie ein Fischernetz - diese vielen Saint, das Lächeln, die Zuvorkommenheit." Aufgeklärter als die Abwehrreflexe der ironischen Intelligenz ist eine Haltung, die solche Beobachtungen zu ihrem Recht kommen läßt. LORENZ JÄGER

          Elke Erb: "Der wilde Forst, der tiefe Wald", Auskünfte in Prosa. Steidl Verlag, Göttingen 1995. 384 S., geb., 34,- DM.

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