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Rezension: Belletristik : Mit eiserner Wade

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Königliche Hoheit: Pierre Mertens radelt durch eine Kindheit

          3 Min.

          Ein Sommertag, zu Beginn der fünfziger Jahre, in einem belgischen Wäldchen: Ein Dreizehnjähriger wird mit seinem Fahrrad von einer Limousine gestreift und stürzt zu Boden. Das Auto hält, der Chauffeur eilt besorgt hinaus und vergewissert sich, daß der Junge unverletzt ist. Dann fährt der Wagen weiter. Im letzten Moment erkennt der Junge die Insassen: den abgedankten belgischen König Léopold mit seinem Sohn und Nachfolger Baudouin.

          Dies ist die immer wieder neu erzählte Schlüsselszene von Pierre Mertens Roman "Ein Fahrrad, ein Königreich und der Rest der Welt". Der Sturz vom Rad ist dabei ein entscheidendes Glied in der Kette von Verstörungen, die dem Erzähler Pierre Raymond widerfahren: Die Eltern trennen sich bald nach seiner Geburt am Vorabend des Zweiten Weltkrieges; die Mutter verliebt sich in einen Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer, der Kinder haßt, und lebt jahrelang mit ihm zusammen, der leichtsinnige Vater wird nur am Wochenende gesehen. Der Junge verschließt sich, zieht sich auf die Beobachterposition zurück und reagiert mit einer demonstrativen Abwehr auf alle Erwartungen, die an ihn gestellt werden: "Ich wußte es selbst nicht, aber ich war wie besessen. Ich legte es geradezu darauf an, alle Leute zu enttäuschen und zur Verzweiflung zu treiben. Das war meine Form der Rache."

          Als Erwachsener verläßt er das kleine Belgien, um als Reiseführer weit entfernte Länder zu besuchen und für eine Fachzeitschrift zu beschreiben. Die Begegnung mit einer Frau namens Joy bringt ihn Jahrzehnte später zur Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, der er sich nur vermittelt nähern kann: Statt weiter Reiseberichte zu verfassen, entwirft er den Plan einer Reportage über den belgischen König Léopold, bei deren Abfassung es aber vor allem um eine vorsichtige Annäherung an das Kind Pierre und dessen Verletzungen geht. Die Königsgeschichte wird zum Medium, die traumatisch erfahrene eigene Kindheit zu beschreiben: "Auch ich war ein König. Der König der Spielverderber. Weltmeister aller Klassen im Chancenverpassen. Konnte ich was dafür? Ich glaubte wirklich, daß mich das Leben nicht mochte. Und ich zahlte es ihm heim. Sogar hundertfach. Sogar im voraus."

          Das Leben des einstigen Königs Léopold III. interessiert den heimgekehrten Pierre Raymond vor allem durch das Unrecht, das dem Monarchen zugefügt wurde; durch die Abdankung, zu der er sich wegen angeblicher Kollaboration mit den deutschen Besatzern Belgiens gezwungen sah; durch die Freiheit, die er dadurch erlangte und in weite Reisen umsetzte. Der Verzicht auf die Krone erscheint so als Befreiung von einem unerträglichen Joch.

          Die Darstellungsweise dieser Königsgeschichte ist aber so schlicht, daß es dem Leser schwerfällt, darin etwas anderes als die fortgesetzten Projektionen des unglücklichen Pierre Raymond zu sehen. Zuweilen redet der Biograph den unterdessen verstorbenen Monarchen auch direkt an, und diese distanzlose Annäherung an den Menschen Léopold und dessen Umfeld hat sogar zur gerichtlich angeordneten Streichung von Passagen geführt, in denen das Zusammentreffen Pierre Raymonds mit zwei Mitgliedern der königlichen Familie beschrieben wurde.

          Aber auch von anderen Königen ist noch die Rede: Pierre Raymond besucht die Radsportlegenden, deren Triumphe in seiner Kindheit eine wichtige Rolle spielten. Bei diesen Besuchen geht es vor allem um den Niedergang, den rechtzeitigen oder verspäteten Rücktritt der berühmtesten Fahrer. Der Besuch bei Eddy Merckx läßt Raymond über dessen "Abdankung" nachdenken, aber auch über die Nachfolge: Wie der abgedankte König Léopold fand auch Merckx einen Nachfolger im eigenen Sohn.

          Und hier schließt sich der Kreis: Der Fahrradunfall des dreizehnjährigen Pierre, dessen Urheber in der königlichen Limousine saßen, ist das wichtigste Element der späteren Erinnerungsarbeit; immer wieder werden in der Folge Stürze, Abdankungen und Rücktritte verschiedenster Natur erörtert, wobei die Geschichte der Radsportlegenden und die der Monarchen eine enge Verbindung eingehen. Beide werden letztlich unter dem Aspekt betrachtet, welchen Stellenwert sie für den jugendlichen Pierre Raymond einnahmen, der seine Kindheit aus der Rückschau ebenfalls als fortdauernden Sturz, als Niederlage ansieht.

          Doch die Zusammenführung der verschiedenen Stränge überzeugt nicht, zu sehr zerfällt das Buch in manchmal nur mühsam verbundene Miniaturschilderungen, denen man die Herkunft aus dem Zettelkasten des Autors anzusehen meint. Lesenswert hingegen sind die Erinnerungen an längst vergangene Reisen, die den Erzähler in einem Hotelzimmer überfallen, sowie einige Porträts, die Pierre Raymond von Familienmitgliedern entwirft, etwa von der Großmutter: "Wenn man das Schicksal anderer Leute irgendwo in der Welt erwähnte, von Geiseln, Exilierten, Hungernden, dann rief sie: ,Nanu, genau wie ich!' Sie konnte sich ohne Einschränkung mit allen Erniedrigten identifizieren. Sie war auch überzeugt, daß man im Fernsehen nur von ihr sprach, selbst den Wetterbericht bezog sie ganz allein auf sich. Und beschwerte sich andauernd über Verleumdungen."

          Pierre Mertens hat sich mit seinem Roman "Der Geblendete", der das Leben Gottfried Benns behandelt, einen hervorragenden Ruf in der französischsprachigen Literatur Belgiens erworben; gemessen daran ist dieses Buch vor allem in seiner Erzählweise eine Enttäuschung. Wenigstens für den Protagonisten Pierre Raymond, der mit seinem Autor viele biographische Gemeinsamkeiten hat, scheint sich die Beschäftigung mit dieser Königs-, Radler-und Kindheitsgeschichte gelohnt zu haben. Am Ende des Romans betrachtet er "den monumentalen Schutthaufen eines Lebens mit nunmehr großmütigem Blick". TILMAN SPRECKELSEN

          Pierre Mertens: "Ein Fahrrad, ein Königreich und der Rest der Welt". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Manfred Flügge. Aufbau Verlag, Berlin 1996. 507 S., geb., 49,90 DM.

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