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Rezension: Belletristik : Mit den Kräften einer Zauberfrau

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Doppelte Verlustanzeige: Marlene Streeruwitz reist durch die Neue Welt / Von Ulrich Weinzierl

          4 Min.

          Sie war und ist vor allem das Objekt der Erinnerung von kulturgeschichtsmächtigen Persönlichkeiten. Die Mutter, berühmt und berüchtigt als Österreichs Muse des zwanzigsten Jahrhunderts, nannte das Kind bis ins Erwachsenenalter "Gucki", weil es einst so große veilchenblaue Augen hatte. Elias Canetti, der das grandiose Muttertier verachtete, war ihnen auf den ersten Blick verfallen: "Wie soll man dieses Ungeheuerliche wahrhaben: dass Augen geräumiger sind als der Mensch, dem sie zugehören", heißt es emphatisch im Schlussband seiner autobiographischen Trilogie unter beziehungsreichem Titel: "Das Augenspiel". Und Ernst Kreneks Monumentalmemoiren "Im Atem der Zeit" erwähnen eine kurze Ehe mit der Nachfahrin "des hochverehrten Meisters", die durch seine "beträchtlichen sexuellen Möglichkeiten" überfordert gewesen sei. Auch wenn Krenek sonst von ihr sprach, sprach er naturgemäß von sich selbst. Beide heirateten sie übrigens gern und häufig. Aber Anna Mahler, die Bildhauerin, blieb trotz wechselnder Gatten für sich und andere immer nur Anna Mahler, die Tochter Gustav Mahlers. Und aus dem Bannbezirk von Alma Mahler-Werfel, von ihren - so Hans Wollschläger - "Kräften als Zauberfrau", vermochte sie sich lange nicht zu lösen. Wenige Wochen vor der Ausstellung ihrer Skulpturen bei den Salzburger Festspielen 1988 ist sie verstorben.

          Kein Zweifel, sie hätte ein eigenes Porträt verdient. Das denkt auch Margarethe Doblinger, eine gelernte Wienerin in den besten, den seelisch gefährlichen Jahren. Die Enddreißigerin, als Dramaturgin ohne besonderen Erfolg, reist nach Kalifornien, um das Leben der geheimnisvollen Unbekannten bei Freunden und Nachbarn zu recherchieren. Das dachte einst auch die österreichische Dramatikerin und Erzählerin Marlene Streeruwitz, die auf den Spuren der ewigen Mahler-Tochter nach Los Angeles gepilgert war. Allein, das Projekt zerschlug sich, zumindest mangelte ihr der Glaube an die Kraft, ein stimmiges Bild zu zeichnen. "Eine Biografie zu schreiben", sagte sie in einem Interview, "ist immer eine Anmaßung." So erfand sie Margarethe Doblinger, eine Frau, mit der sie sich wohl identifizieren kann. Diese beginnt am 1. März 1990 ihr Arbeitstagebuch. Ungeachtet der gewaltigen Entfernung zwischen der amerikanischen Westküste und der Heimat fühlt sie sich nie wirklich von zu Hause befreit. Kummer und neurotische Verstrickungen sind ein Gepäck, das sich auf Flughäfen kaum verlieren lässt. Der geliebte Mann - wann wird er sie verlassen? - ist nicht mitgekommen. Um die Tochter macht sie sich Sorgen.

          Oft gleitet Margarethe, hier nennt man sie schicker und unverfänglicher Margaux, im Auto über die Freeways und Boulevards, durch die Sonnenscheinwelt von Palmen, Pools und Passanten in vermeintlich permanenter Urlaubsstimmung. Zwanghaft registriert sie Gerüche - von Krankheit, Abfall, welker Haut. Da wird die Morgentoilette zum Schutz- und Stützritual: "Einseifen, Waschen, Eincremen, Fußcremen, Deodorieren, Wimperntuschen, Make-up-Auflegen, Pudern und das Die-frische-Unterwäsche-Anziehen." Der "Geruch aus frischem Selbst und guten Düften" soll ihr die Sicherheit geben, die ihr fehlt.

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