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Rezension: Belletristik : Mit den Augen des Hermes

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Verzweifelte Vitalität: Neues von Pier Paolo Pasolini

          3 Min.

          Als eine lebendig verbrannte Katze sah sich Pier Paolo Pasolini einmal, von einem Lastzug überrollt oder "von Halbwüchsigen aufgehängt an einem Feigenbaum". Das Dichter-Tier des Poems "Eine verzweifelte Vitalität" (Una disperata vitalità) schüttelt sein Schicksal ab und führt die restlichen sechs seiner sieben Leben unbekümmert weiter. Das eine Leben Pasolinis endete in der Nacht zum 2. November 1975 am Rande eines Fußballfeldes in Ostia, wohin er einen römischen Strichjungen in seinem Auto mitgenommen hatte. Der siebzehn Jahre alte Giuseppe Pelosi schlug den Dichter in angeblicher Notwehr mit einem Zaunpfahl nieder. Dann überfuhr er den Schwerverletzten, flüchtete mit dessen Alfa Romeo GT. Bis heute ist unklar, ob nicht doch mehrere Täter beteiligt waren, oder, wie Alberto Moravia wiederholt vermutete, ob Pelosi nicht nur der ausführende Arm des Verbrechens war, mit dem sich die italienische Gesellschaft eines homosexuellen Kommunisten und damit eines "regelrechten Exzesses" entledigte.

          Der armselige Schauplatz des Mordes am Meer habe inzwischen ikonographische Züge angenommen und sich in das kollektive Gedächtnis eingesenkt, schrieb die Zeitung "Unità" vor dem zwanzigsten Todestag. "Pasolini: ein italienisches Verbrechen" heißt folgerichtig der dokumentarische Thriller, den der Regisseur Marco Tullio Giordina auf dem Filmfestival in Venedig vorstellte, Fragen aufwerfend und nicht beantwortend. Wie der schöne junge Gast aus seinem Film "Teorema", der mit dem Leuchten des Hermes in den Augen eine Mailänder Industriellenfamilie in den ethischen und sexuellen Bankrott treibt, um sie unumkehrbar verwirrt zurückzulassen, so haben Pasolinis Leben, Werk und Tod in Italien eine Verstörung entfacht, die unvermindert anhält.

          Ahnte er seinen Tod voraus? Auf jeden Fall hat er in dem 1964 veröffentlichten verkappten Thesengedicht "Una disperata vitalità", das nun erstmals auf deutsch vorliegt, sein tragisches Ende in Anlehnung an Dante herbeiphantasiert: "Ich werde dort sein / wie einer, der sein eigen Unglück träumet / an den Ufern des Meeres, in dem das Leben wieder beginnt", am Gestade Ostias zum Beispiel. Diesen Passus habe Pasolini in späteren Ausgaben verstümmelt, erläutert der Übersetzer Peter Kammerer in dem Band "Wer ich bin", der außerdem das titelgebende bio-bibliographische Prosagedicht "Who is me /Dichter der Asche" sowie eine Erinnerung Alberto Moravias an "PPP" aus dem Jahr 1978 versammelt.

          Utopie und Handwerk des Schreibens bestimmen die Rede von "Eine verzweifelte Vitalität", ein Gedicht, das in die Formen von Film und Interview schlüpft. Pasolini verglich den Filmschnitt mit dem Tod: sie verleihen dem amorphen Leben wie dem Bandmaterial Kontur. Er definiert sich hier als "ziviler Dichter", der durch Regen und Traufe aller geistigen Moden und Begrifflichkeiten gegangen ist. In Versalien schwört er den Terzinen ab ("Verse NICHT MEHR IN TERZINEN!"), um diese Versart einige Passagen später wieder vorübergehend zu adaptieren, als wolle er die Geschlossenheit und thematische "Unschuld" seines ersten Gedichtbandes "Poesie a Casarsa" (1942) anrufen. Wiederholt hat er Friaul, die arkadisch verklärte Landschaft seiner Jugend und Heimat der über alles geliebten Mutter, die "Welt der kleinen Heimaten" in Gegengedichten schmerzhaft angegriffen.

          Von der "tiefen, friaulischen Elegie eines Selbstzerstörers, Exhibitionisten und Onanisten", der 1949 aufgrund einer Anzeige wegen "obszöner Handlungen" und des Ausschlusses aus der Kommunistischen Partei, der ihm ewig nahegehen sollte, nach Rom flüchtete, ist auch in dem autobiographischen Erzählgedicht "Who is me" die Rede. Die alternative Überschrift "Dichter der Asche" spielt auf Pasolinis Lyrikband "Die Asche Gramscis" (Le ceneri di Gramsci) an, für den der fünfundzwanzigjährige 1957 den angesehenen "Premio Viareggio" erhielt. Pasolinis Biograph Enzo Siciliano fand "Who is me", eine Lebensbeichte aus dem August 1966, im Nachlaß und veröffentlichte sie in der Zeitschrift "Nuovi argumenti". Deutlich wird in diesem Poem vor allem Pasolinis nationaler Impetus, seine Sehnsucht, das arme und für ihn daher wahre Italien in den tristen Vorstädten Roms, den Borgate, wiederzufinden: "Mir war, als ob Italien, seine Beschreibung und sein Schicksal, abhingen von dem, was ich dazu schrieb, / in jenen Versen, gesättigt mit unmittelbarer Wirklichkeit, / nicht mehr nostalgisch, fast als hätte ich sie mit meinem Schweiß verdient." Die Borgate, in denen seine ersten beiden Romane "Ragazzi di vita" und "La vita violenta" spielen, verkörpern Pasolinis geistige und erotische Hinwendung zum Subproletariat. Nach dem friaulischen Dialekt entdeckt er hier das "Romanesco", findet seine große Liebe Ninetto Davoli und wird von einem prototypischen "ragazzo di vita", eben jenem Pelosi, umgebracht.

          Alberto Moravia zeigt in seinen Äußerungen über den Freund Pier Paolo, mit dem er zahlreiche Reisen unternahm und sich ein Ferienhaus teilte, die Lebenslust und -zwänge Pasolinis mit überraschender Ehrlichkeit und doch voller Sympathie auf. Er sei ein sehr moderner Mensch und gleichzeitig ein "alter Italiener" gewesen, von starkem Stilwillen in seinen Filmen, privat aber oft geschmacklos angezogen. Moravia spinnt die Gegensätze weiter, die Pasolini prägten, etwa den zwischen Kommunismus und Bürgertum, oder den seiner imperialistisch vertretenen, andererseits fast bis zum Tod verdrängten Homosexualität. Ohne diese biographischen Wechselfälle wäre Pier Paolo Pasolini wohl nie zum selbsterklärten "Dichter der Tat" geworden, der den Dingen ihre Heiligkeit zurückgeben wollte. Die Zeit von sieben Leben hatte er dazu nicht, und so bleibt der Schöpfer von "Edipo re" und "Medea" in seinen Widersprüchen lebendig. KATRIN HILLGRUBER

          Pier Paolo Pasolini: "Wer ich bin".Mit einer Erinnerung von Alberto Moravia. Aus dem Italienischen von Peter Kammerer und Bettina Kienlechner. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1995. 78 S., geb., 24,80 DM.

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