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Rezension: Belletristik : Mein stolzer Bettpfosten

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Si tacuisses: Jostein Gaarder mit weiblichen Bekenntnissen

          Eine Frau hat Grund zur Klage: Zwölf Jahre lebte sie mit einem Mann zusammen, in gegenseitiger Treue und großer Intensität auf allen Ebenen; dann wird sie Knall auf Fall fortgeschickt. Es gibt zwar noch ein kurzes Wiedersehen, doch das endet nach sinnenfrohen Stunden darin, daß der Mann sie furchtbar verprügelt. Jahre später veröffentlicht der Mann ein Buch, in dem er unter anderem seine Sicht auf diese Liebesgeschichte darstellt, die aber nun gar nichts mit der Erfahrung der Frau gemein hat. Da setzt sie sich hin und schreibt ihm einen Brief. Jostein Gaarder hat ihm den Titel "Das Leben ist kurz" gegeben, denn den Satz hat der Mann manchmal geäußert. Der Mann heißt Aurelius Augustinus und gilt heute als Kirchenvater, die Frau heißt Floria Amalia, war seine Konkubine und steht jetzt auf eigenen Beinen: "Ich gelte nun als gelehrte Frau und gebe hier in Karthago Privatunterricht", gibt sie bekannt; obendrein verweist sie darauf, daß sie Philosophie studiert habe, und spickt ihren Brief reichlich mit einschlägigen Klassikerzitaten. Die dienen aber auch als Munition gegen Augustins neues Denken, wie es sich in seinem Buch "Confessiones" widerspiegelt: daß der Mann enthaltsam leben solle in jeder Hinsicht, wie dies Gottes Wille sei.

          "An einen solchen Gott glaube ich nicht", schreibt sie ihrem "treulosen Tiger", weil der sich damit ja von großen Teilen seiner Schöpfung selbst distanzieren würde. Außerdem habe er doch durch seine Praxis eine durchaus weltliche Orientierung bewiesen: "Mein kleiner Hengst", "mein stolzer Bettpfosten" adressiert sie den Neu-Asketen und erinnert ihn daran, "wie du es genossen hast, mich zu pflücken, wie du meine Säfte genossen hast". Tempi passati, vergangene Zeiten, denn jetzt attestiert sie ihm: "Wahrlich, du bist zum Eunuchen geworden", dagegen "hatte unsere Beziehung von Anfang an auf einem starken sinnlichen Fundament geruht", sich darin aber nicht erschöpft, denn vor und nach dem Rückzug auf dieses Fundament sei auch immer philosophiert worden. Und daß da etwas gewesen sei, gebe Augustinus ja auch selbst zu, wenn er über den Trennungsschmerz lamentiere, und bei aller eigenen Verwundung bietet Floria ihm doch Heilung an: "Das einzige, was dich vielleicht befreien könnte, ist meine Umarmung." Dies sei nicht nur um seiner selbst willen geboten, drohten doch, wenn sein Denken geschichtsmächtig würde, durchaus großkalibrige Gefahren: "Ich fröstle, denn ich fürchte, es wird eine Zeit kommen, in der die Kirchenmänner Frauen wie mir das Leben nehmen werden."

          Hier antizipiert Floria in einem großen Zeitsprung die Hexenverbrennung, aber das Zukunftsweisende scheint sie sowieso ausgezeichnet zu haben. So schrieb sie Augustinus: "Si tacuisses, philosophus manuisses", wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben. Damit verblüfft sie Jostein Gaarder ("In meinen Augen ist das Florias bemerkenswertester Ausspruch"), und dies nun nicht, weil sie statt des üblichen "mansisses" "manuisses" schreibt, sondern weil der elegante Zweizeiler bislang als Erfindung des Boethius hundert Jahre später gehandelt werde. Was nun wieder Indiz dafür sei, daß Boethius zumindest Teile von Florias Brief gekannt habe. (Wohl wirklich nur Teile, denn den Satz gibt es so bei Boethius nicht, aber das ist eine andere Geschichte.)

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