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Rezension: Belletristik : Mein Schicksal heißt Banalität

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Beschränkt, also legitimiert: Bodo Kirchhoff, Dichter und Dozent

          Da geht einer nach vorne, dann steht er und spricht: "Guten Abend, meine Damen und Herren - fangen wir ganz einfach an, mit einem Satz aus der Rubrik ,Vermischtes': ,In den letzten Jahren ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.'" Keiner Dame, keinem Herrn sollte das egal sein. Denn das Wort hat ein Dichter, und er spricht hier in eigener Sache. Und wenn es um die Sache geht, gibt es in den Augen des Dichters nichts zu deuteln. So legt der Dichter, sofort und ein für allemal, die Distanzen fest, zwischen ihm, der da redet, und den Damen und Herren, die dort zuhören. Die Würde des Dichters ist eine Frage der Form. Die Frankfurter Poetikvorlesungen Bodo Kirchhoffs begründen den dichterischen Zwang zur Etikette.

          Bodo Kirchhoff wurde 1948 in Hamburg geboren, kam 1959 in ein Internat am Bodensee und blieb dort bis 1968. Darauf ging er zum Militär, danach für ein Jahr in die Vereinigten Staaten. In Frankfurt studierte er Pädagogik. Seit 1979 schreibt er, Theaterstücke, Novellen, Erzählungen, Romane, ein Tagebuch; zuletzt erschien der Monolog "Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf". Bodo Kirchhoff ist ein erfolgreicher Schriftsteller, kein Bestsellerautor, aber schon ein Mitglied der jüngsten deutschen Literaturgeschichte. Insofern hat er es geschafft.

          Die Frankfurter Poetikvorlesungen sollen ein wenig das Geheimnis dieses Erfolges lüften. Die Legenden um den eigenen Körper sind das Programm eines, der von sich selber sagt: "Ich möchte gern Schriftsteller sein. Es ist meine Lebensaufgabe, mein Verzicht auf ein Stück modernes Leben. Nichts anderes als diese Beschränkung legitimiert mich. Ich besitze keine Tradition, ich muß mir meine Tradition erfinden; ebensowenig besitze ich eine Geschichte (die der gewöhnlichen Neurose einmal beiseite gelassen) und schon gar nicht ein gehöriges Schicksal . . . Das Schicksal meiner Eltern hieß Krieg, mein ,Schicksal' heißt Banalität." So schreibt er, in einem fort, ganz Wille zur Vollendung, und macht unterdessen gute Miene zum Spiel, in dem der Dichter eine besondere Figur ist.

          Dreißig Jahre war der Schriftsteller alt, als ihn sein Verlag um ein Foto bat und damit den Autor in Verlegenheit und Nachdenklichkeit stürzte. "Wie muß man als junger Schriftsteller aussehen?" Diese Frage trieb ihn zwei Nächte durch Fotokabinen, bis er mit seinem Konterfei, dem Porträt eines jungen Künstlers, zufrieden war. Bodo Kirchhoff hatte nicht zum letzten Mal einer Kultur Paroli geboten, in der Geist und Eitelkeit immer öfter, so seine Beobachtung und sein Vorwurf, Hand in Hand gesehen werden. "Wer Ich sagt, muß auch sagen, was mit diesem Ich los ist; es genügt nicht, sich selber zu meinen, man muß sich auch selbst zur Anzeige bringen."

          Narzißmus heißt die Quelle, an der alle liegen und sich laben, auch die Schriftsteller und also auch Bodo Kirchhoff, der die Tücken des Geländes kennt. "Für den Kulturbetrieb gilt, daß die Anzahl der Abhängigen von der Droge Öffentlichkeit und damit der Idolatrie ständig zunimmt . . ." Es heißt also, Ruhe vor dem Rampenlicht bewahren. Der Schriftsteller, der berufsbedingte Narziß, schnellt aus dem Sumpf der Banalität, sobald er sich ins eigene Fleisch schneidet: "Dort allein, im Eigenversuch, in der Vivisektion, können Schriftsteller, als Zeichen ihres guten Willens, jenen Existenzvorsprung (gegenüber denen, welche die Sprache nicht verschonen, dafür aber sich) erringen, der unbedingt nötig ist, um glaubhaft zu sein . . ." Dichter reißen sich das Hemd vom Leib.

          So erzählt Bodo Kirchhoff vom Kind, das er war, und den Buchstaben, die es ihm angetan haben, vom Schriftsteller, der er wurde, und vom Kulturbetrieb, in den er geriet, von der Wahrheit der Kunst und dem Schmerz des Lebens. Alle diese Geschichten und Gedanken haben Konfektionsgröße, sie sind nicht maßgeschneidert. So verhüllen sie mehr als sie preisgeben. Bis dann alles gesagt ist, was einem Dichter im Sinne Kirchhoffs steht. "Der Autor, die Autorin, sie können nicht zeigen, was sie eigentlich zeigen möchten, sich selbst in ihrer Nacktheit; sie wissen oder spüren, daß diese Nacktheit unannehmbar ist, geben aber die Hoffnung nicht auf, daß wenigstens eine Legende darum auf Verstehen trifft."

          Zum Glauben an die nackten Tatsachen, die zum Vorschein kommen sollen, wenn der Dichter sich in Geschichten hüllt, gehört eine Portion guten Willens bei all denen, die zusehen. Damit zerfällt die Welt im Spiegelbild des Schriftstellers in Gute und Böse, Wohlwollende und Abgefeimte, in solche, die klatschen, und jene, die auspfeifen. Voreingenommenheit für ihn, den Künstler, Achtung also und Respekt vor der Etikette sind unerläßlich, soll gelingen, was im kleinen ein guter Abend, im großen ein Dichter zu werden verspricht. Auch die Frankfurter Poetik-Vorlesungen sind eine Veranstaltung in diesem Sinne.

          "Guten Abend, meine Damen und Herren, Sie sehen hier diesen gewöhnlichen Holzstuhl, ja?" So beginnt der Monolog "Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf", dessen Lesung die Frankfurter Inszenierung realiter beendete und dessen erste Seite in der Buchausgabe abgedruckt ist. Poetik im Sinne Kirchhoffs ist die Ankündigung eines Striptease, nicht dieser selbst. Der Dichter wird die Hüllen nicht fallen lassen; es bleibt beim vorgeschobenen Reiz der Andeutungen, einer halben Verführung auf wortreicher Distanz. Nackt zu sein, das gelingt Kirchhoff glücklicherweise auch nicht im Monolog über den Wunsch, nackt zu sein. Wer möchte schon einen nackten Dichter sehen? EBERHARD RATHGEB

          Bodo Kirchhoff: "Legenden um den eigenen Körper". Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1995. 180 S., br., 16,80 DM.

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