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Rezension: Belletristik : Mein Klassenkampf

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Lernziel Antifaschismus: "Die Welle" in deutschen Schulen

          Dieses Buch ist nicht geheim. Und doch wird es vor allem in geschlossenen Zirkeln gelesen. Dieses Buch ist nicht bekannt. Und doch wurden allein in Deutschland in fünfzehn Jahren fast zwei Millionen Exemplare davon verkauft. Dieses Buch hat keine Folgen. Und doch wird es mit aller Sorgfalt studiert, weil es angeblich für die Verbesserung der Welt wirbt und die Leser anhält, "über die gruppen- und individualpsychologischen Auswirkungen von kollektivem Anpassungsdruck nachzudenken". In allen Bundesländern steht Morton Rhues "Die Welle" (Verlag Otto A. Maier, Ravensburg / "The Wave" bei Klett in Stuttgart) auf den Empfehlungslisten der Kultusminister für den Sozialkundeunterricht in der Sekundarstufe II. Im Jahr 1981 in den Vereinigten Staaten erschienen, 1984 auf deutsch veröffentlicht und seitdem immer wieder nachgedruckt, ist dieser Roman eines der erfolgreichsten Taschenbücher überhaupt und wurde in Deutschland über Jahre hinweg nur vom Bürgerlichen Gesetzbuch überflügelt.

          Dieses kleine Buch ist eine allegorische Erzählung über den Sieg und die Überwindung des jugendlichen Rechtsradikalismus. Es erzählt von einer Klasse an einer amerikanischen Oberschule, der es, wie ihren Altersgenossen an allen Oberschulen der westlichen Welt, aufgegeben ist, über Grund und Entstehung des Faschismus nachzudenken. Als das Grübeln nicht hilft, verfällt der Geschichtslehrer auf das Mittel des Experiments: Er unterwirft seine Schüler einem militärischen Drill, er gründet eine Bewegung, er gibt ihr eine Grußform und ein graphisches Symbol. "Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft, Macht durch Handeln", steht nun auf der Tafel. Und siehe da: Die Klasse ist begeistert, die Bewegung breitet sich aus, die Football-Mannschaft ist "wie umgekrempelt" und plötzlich in der Lage, "künftig alle Pokale zu gewinnen", ein kleiner Jude wird nach der Schule zusammengeschlagen, und Robert Billings, der Sonderling und Außenseiter der Klasse, ist auf einmal der "Leibwächter" seines Lehrers und der schärfste Anführer der Bewegung.

          Und alles würde so weitergehen, und die Welle würde über der ganzen Welt zusammenschlagen, riefe der Lehrer am Ende nicht mit einer einzigen, mutigen Tat den bösen Geist in die Flasche zurück: Er läßt seine Schüler in das riesenhaft vergrößerte Gesicht von Adolf Hitler blicken - die Welle, so endet die Geschichte, verebbt auf einen Schlag, der Sonderling hockt weinend in einer Ecke, und der verprügelte Jude erholt sich rasch. Morton Rhue schließt mit dem gröbsten Trick, der in der Literatur zur Verfügung steht, mit einem "deus ex machina", der einen harten Widerspruch verbirgt: Denn dieses Bild ist natürlich das gleiche, das die Massen vorher fasziniert hat.

          Dieses Buch ist so erfolgreich, weil es ein Märchen von der Verführung und der Verführbarkeit durch die Macht erzählt: "Das Verhalten der deutschen Bevölkerung ist ein Rätsel: Warum haben sie nicht versucht, das Geschehen aufzuhalten? Wie konnten sie behaupten, von alledem nichts gewußt zu haben? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht." Der Lehrer läßt die Schüler geradesitzen, und sie sind angetan. Er läßt sie zum Antworten aufstehen, und sie sind begeistert. Er gründet eine Gemeinschaft, und es gibt kein Halten mehr. Alles, was man nach dieser Idee braucht, um über Nacht einen totalitären Staat herbeizuzaubern, ist ein charismatischer Mensch mit ausreichend schlechten Absichten. Dann kommt das Unheil und nimmt von alleine seinen Lauf. Der Faschismus - der in diesem Buch für alle Arten des autoritären Staates steht - kommt über die Kinder wie Magie, er ist ein Bann, der überall und zu jeder Zeit über jeden Menschen verhängt werden kann.

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