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Rezension: Belletristik : Mein Geist streift um Albertine

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Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang, pflegte Anatole France zu sagen, und das war, wie viele Bemerkungen französischer Literaten bis hin zu Sartre, ziemlich abfällig gemeint. Allerdings sorgte sich auch der Autor der Recherche um die Zeit seiner Leser. Zum Ärger seines Verlegers Gaston Gallimard ...

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          Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang, pflegte Anatole France zu sagen, und das war, wie viele Bemerkungen französischer Literaten bis hin zu Sartre, ziemlich abfällig gemeint. Allerdings sorgte sich auch der Autor der Recherche um die Zeit seiner Leser. Zum Ärger seines Verlegers Gaston Gallimard erschienen 1921 und 1923 in der Zeitschrift "Les OEuvres Libres"  zwei von Proust selbst konzipierte Vorabdrucke unter den Titeln "Jalousie" (Eifersucht) und "Précaution inutile" (Nutzlose Vorsorge), und zwar mit der strategischen Bezeichnung "unveröffentlichter und vollständiger Roman". Noch bis kurz vor seinem Tod 1922 arbeitete Proust zudem an einer stark gekürzten Fassung von "Albertine disparue"  (im vorliegenden Band: Die Flucht), die wohl an die beiden anderen selbständig erscheinen wollenden Veröffentlichungen anknüpfen sollte. Sie erschien aber erst 1987 bei Grasset, also ebenfalls außerhalb der Gallimard-Ausgabe.

          Hanno Helbling hat nun seine Übersetzung der drei Stücke unter dem Titel "Albertine" zu einem "Roman aus der ,Suche nach der verlorenen Zeit'" zusammengefaßt und sie abseits der Frankfurter Ausgabe publiziert. Dem Proust-Philologen mag die neuerlich strategische Bezeichnung die Haare sträuben, der Autor selber hätte vermutlich nichts dagegen gehabt. Wie die früheren Vorabdrucke soll auch diese wohlfeile Edition "Leserinnen und Leser an das berühmte Werk Marcel Prousts heranführen". Redlicherweise aber unternimmt Helbling in seinem so subtilen wie zerstreuten Nachwort nicht den Versuch, eine Einheit der drei Texte aufzuweisen. Sie ergeben nämlich ebensowenig wie der ganze Zyklus ein geschlossenes Werk: "Die Reduktion der Möglichkeiten auf die Wirklichkeit ist hier nicht abgeschlossen, und sie wird es nie - oder genauer, wenn auch schwerfälliger gesagt: immer wieder doch nicht sein."

           Die seltsame Liebesgeschichte des Ich-Erzählers mit der sich immer wieder entziehenden Albertine ist aber durchaus kein Nebengelaß in Prousts unermeßlichem Gebäude der Erinnerung. Die durch Albertine bewirkte Selbstreflexion des Erzählers, die durch ihr Verschwinden zur höchsten Verzweiflung getrieben wird, mündet schließlich in Marcels Berufung zum Schriftsteller, die sich als der Roman, den man gerade liest, schon realisiert hat. Die Differenz der menschlichen Gefühle und Interessen, die im Verhältnis zu ihr deutlich wird, erweist sich schließlich als Motiv eines Schreibens, in dem der Stil als Instrument der Erkenntnis gehandhabt wird, mit dem die alltäglichen Täuschungen aufgelöst werden, wenngleich nur im nachhinein. Wie keine andere Episode des Romanwerks zeigt die schmerzliche Liebesgeschichte mit Albertine, wie Schreiben und Lesen (nicht nur das "von Briefen und Telegrammen") durch Abwesenheit und Täuschung bestimmt werden.

           Schon vor Albertines Flucht vor den Besitzansprüchen des Erzählers entwickeln sich die möglichen Lesarten von Prousts Welt wie die Struktur der Einbildungskraft aus der Spannung von An- und Abwesenheit: "Wenn ich Albertine auf ihrer langen Ausfahrt nicht begleitete, streifte mein Geist um so weiter umher, und da ich diesen Vormittag nicht mit meinen Sinnen hatte auskosten wollen, genoß ich in meiner Vorstellung alle ähnlichen, schon erlebte wie noch mögliche Vormittage, oder genauer: eine bestimmte Grundform des Vormittags, die ich in all ihren gleichartigen Erscheinungen unverzüglich wiedererkannt hatte; denn die frische Luft wendete selbst die richtigen Seiten, und ich hatte das Evangelium des Tages vor mir, daß ich es lesen konnte in meinem Bett."  Im Verhältnis zu Albertine reflektiert die analytische Ineinsbildung von Erinnerung und Vision auf sich selbst. Die eifersüchtige, immer um den Verlust besorgte Liebe zu ihr zeigt sich so als innerer Antrieb des Erzählens.

           In den mit allgemeinen Betrachtungen verklammerten Gefühlsprotokollen des verlassenen Erzählers erreicht Prousts zugleich metaphorischer und abstrahierender Darstellungsstil die höchste Komplexion des Periodenbaus. Hanno Helbling hat gut daran getan, die Struktur dieser Sätze in der Übersetzung nicht seiner propädeutischen Intention zu opfern. Sein Text folgt dem Proustschen Satzrhythmus auch da, wo er im Deutschen an den Rand der Fremdartigkeit führt. Daß dabei gleichwohl stilistische Eleganz erreicht wird, ist Helblings große Leistung, mit der er sich eindrucksvoll in die Geschichte der deutschen Proust-Vermittlung von Hessel und Benjamin über Curtius und Eva Rechel-Mertens bis zu Luzius Keller einschreibt.  Dem gelehrten Übersetzer war die Zeit für Proust nicht zu schade, und auch den interessierten eiligen Leser wird sie nicht gereuen. In Helblings Proust-Gebinde kann er nämlich lernen, wie man sich für ein Buch Zeit nimmt, und wie man es wieder aus der Hand legt, auch wenn die Lektüre nicht abgeschlossen ist und nie sein wird.

          FRIEDMAR APEL

          Marcel Proust: "Albertine". Ein Roman aus der Suche nach der verlorenen Zeit. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hanno Helbling. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001. 352 S., geb., 15,- .

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