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Rezension: Belletristik : Mein Bruder, der Engel

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Fortschritt hat, wie wir wissen, seinen Preis. Folgt man seinen Anklägern, blieb vor allem eines auf der Strecke: Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Widersprochen haben dem stets die Künste. Unbeirrbar traten sie für die Redefreiheit jener "anderen" Vernunft ein, die aus unserer Natur spricht. Anwälte ...

          Fortschritt hat, wie wir wissen, seinen Preis. Folgt man seinen Anklägern, blieb vor allem eines auf der Strecke: Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Widersprochen haben dem stets die Künste. Unbeirrbar traten sie für die Redefreiheit jener "anderen" Vernunft ein, die aus unserer Natur spricht. Anwälte wie Herder, Leopardi oder Baudelaire beriefen sich dabei gern auf das Kind und seinen hellen, von kulturellen Trübungen freien Blick auf die Welt.

          Valerio Aiollis Romandebüt "Ich und mein Bruder" schaut durch das Perspektiv eines Sechsjährigen. So gut wie nichts ist geblieben von den einstmals offenen, unbefangenen Augen. Sie wirken wie eine gealterte Illusion der Moderne, die kaum etwas mit Kindern, aber viel mit den Sehnsüchten desillusionierter Erwachsener zu tun hatten. Inzwischen, so gibt Aiolli zu verstehen, hat der Fortschritt auch "Kinderaugen" sentimental aufgeklärt. Sie sind ihrerseits zum Medium geworden. Längst sehen sie nicht mehr durch die "laterna magica" Prousts, sondern gleichen einer Filmkamera.

          Aiollis Roman nimmt, insofern, an einem Medienübergang teil, den er zugleich selbst thematisch bloßlegt: Er ist in seiner Art ein geschriebener Film, weit davon entfernt, als Filme noch visuelle Romane waren. In einer kleinen Szene schaut der Roman in seinen eigenen Spiegel. Die Mutter hatte gerade einen Artischockenauflauf zu Boden geworfen, wütend über ihren mürrischen Mann. "Ich schaue das an", heißt es vom Jungen. "Und sehe die Kasserolle, die da unten liegt, mit noch einem einzigen Artischockenherzen drin. Ein großes Auge, das von unten heraufschaut. Die Artischocke ist die Pupille." Das Kind sieht sich, mit diskreter Hilfestellung des Erzählers, selber sehen. In seinen kleinen Blick von unten ist diese Welt eingelassen. Das heißt, es nimmt nur ihren Vordergrund, die Einzelheiten, das Äußere wahr. Die Zusammenhänge selbst bleiben ihm verschlossen. Nirgendwo wird analysiert; nur registriert. So wie ein richtiger Junge nicht weinen darf, ist auch der Stil seiner Beobachtungen: genau, verschlossen, als wollte er sich nichts von allem anmerken lassen. Dadurch kommt ein ebenso reizvolles wie riskantes Doppelspiel in Gang. Der Junge nimmt auf und gibt wieder, ohne zu verstehen. Es ist am Leser, seine Wahrnehmungen zu deuten. Wenn man so will, ist das die eigentliche Handlung des Romans. Doch liegt es daran, daß die Signale von der einen zur anderen Seite nicht kräftig genug oder allzu subtil sind - man kann sich gut vorstellen, daß nicht jeder Leser dieses perspektivische Doppelspiel gewinnt.

          Zumal sich aus einer kindlichen Ich-Sicht wenig action-Kapital schlagen läßt. Erst wer sich auf diese Handlungsarmut einläßt, kann etwas erleben. Dann beginnt die Geschichte des Jungen im Kleinen den Umbruch der Werte im Großen zu reflektieren. Wie Zeichen an der Wand erscheinen dabei die Eltern, die sich nicht mehr verstehen; der sterbende Großvater; ein tödlich verunglückter Onkel; unseriöse Geschäfte. Dazu die verheerende Überschwemmung von Florenz, die mit '68 zusammenzuspielen scheint und alles mit sich fortreißt, was bisher galt. In kindlicher Nahaufnahme gesehen: Die beiden Horte seiner Identität, Familie und Haus, zerbrechen. Die Eltern entfremden sich; der Vater geht; die Mutter flüchtet in ein Abenteuer; das Kind wird abgeschoben. Gleichzeitig scheitert der Hausbau. Nichts ist mehr so, wie es war.

          Erst von hier aus wird die Geschichte hinter der Geschichte, die eigentliche, sichtbar. Wie würde der Junge auf das reagieren, was er sieht, aber nicht durchschaut? - Er hatte einen Bruder, gestorben, bevor er selbst geboren wurde. Doch im kreatürlichen Gedenken der Großmutter blieb er wie anwesend; als Engel etwa auf dem Gemälde in ihrem Schlafzimmer; an seinem Geburtstag, wo sie ihm einen Platz freihielt; in ihren Worten. Eine unmerkliche Wiederauferstehung setzt ein. Je mehr die Eltern sich von ihrem Kind entfernen, desto näher rückte er seinem toten Bruder, unterhält sich mit ihm und wird sein ständiger Begleiter. Sein eigenes Leben verlagert sich immer mehr von außen nach innen. Bald lebt er in einer eigenen Welt. Er spricht kaum noch, nur mit seinem "alter ego" - ein Abbild der gestörten Kommunikation um ihn herum. Als die Eltern sich schließlich trennen, löst auch er sich völlig ab und sperrt sich ganz in sich ein. Die äußere Entfremdung löst eine Alienation in ihm aus.

          Auf diesen verhängnisvollen Parallelismus kommt es Aiolli an. Die Welt der Kinder ist nur heil, wenn es die ihrer Eltern ist. Naives Einvernehmen - es liegt nicht in uns wie ein verschütteter Schatz der Natur, der bloß wieder gefunden und gehoben sein will. Er zeigt sich erst, wenn die Erwachsenen ihre Vernunft walten lassen. Natürlichkeit, will Aiolli sagen, ist eine sensible Angelegenheit von Kultur. Daß dies am besten die Kunst kann, wußte der Kleine noch nicht. Aber sein Erzähler. Deshalb hat er die bedrohte Perspektive des Kindes unter den besonderen Schutz des Romans gestellt. Eine Prise social correctness durfte dabei allerdings nicht fehlen. Am Krankenbett läßt er die Eltern wieder zueinander und den Jungen zu sich finden. Überhaupt ist der Erzähler die stumme Hauptperson. So wie der Junge mit seinem Bruder führt er ein Selbstgespräch mit seiner Kindheit. Herausgekommen ist dabei ein Kulturschadensbericht von '68. Jede wohlfeile Nostalgie liegt ihm allerdings fern, als wolle er verschweigen, an was ihm - wieder - gelegen ist: an Familie.

          WINFRIED WEHLE

          Valerio Aiolli: "Ich und mein Bruder". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Angelika Beck. Pendo Verlag, Zürich 2001. 224 S., geb., 17,90 [Euro].

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