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Rezension: Belletristik : Max Goldt: Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine

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Es gibt Menschen, die es lustig finden, sich über Ökobrot, Hippies und Müsli lustig zu machen. Vermutlich war es, ungefähr um 1979 herum, wirklich einmal progressiv und mutig und sehr witzig, das zu tun; aber heute freut man sich ja inzwischen eher, wenn man nochmal einen echten Hippie sieht, und Häme über ...

          Es gibt Menschen, die es lustig finden, sich über Ökobrot, Hippies und Müsli lustig zu machen. Vermutlich war es, ungefähr um 1979 herum, wirklich einmal progressiv und mutig und sehr witzig, das zu tun; aber heute freut man sich ja inzwischen eher, wenn man nochmal einen echten Hippie sieht, und Häme über hartes Ökobrot ist in fast allen Fällen so abgestanden und unaufregend wie das selbstgefällige Kleinkunstbühnengebrüll jener gruseligen Gestalten, die immer in der Kabarettsendung "Scheibenwischer" auftauchen und über irgendwas schimpfen, was sowieso niemand mag, und mit dünner Stimme politisch korrektes Zeug in den Saal hineinsingen. Man will also keine Witze mehr über hartes Ökobrot hören. Trotzdem nervt es einen. Warum?

          Es mußte erst Max Goldt kommen, damit man es wußte: "Allerdings sollte den Bäckern mal einer erzählen, daß die Körner ins Brot gehören und nicht obendrauf. Wenn man da eine Scheibe abschneidet, fliegen die Dekorationskörner in der ganzen Bude herum, und wer macht die Sauerei wieder weg? Der Bäcker ganz bestimmt nicht." Genau das war es natürlich: Der Ärger über etwas, das sich authentisch gab, aber auch nicht besser war als das Alessi-Designermesser, mit dem man es geschnitten hatte: Auch das Brot war unfunktionales Design. Max Goldt, der gerne mit einem Schlechte-Laune-Mikroskop über die nebensächlichsten Dinge streift, der die Welt solange anstarrt und vor sich hin assoziiert, bis sie ihre verborgenen Schönheiten entblößt - Goldt entdeckt Sachen, die jedem, der sich mit wichtigen Dingen beschäftigen muß oder will, für immer verborgen bleiben werden: Die Schönheit leiernder Kassetten, die vor 25 Jahren aufgenommen wurden, das einzige Wort im Deutschen, das vier "U" als Vokale aneinanderreiht, "Kulturbundschulung", ein Wort, das nach Goldt nur im Osten, wo die Luft schlechter ist, entstehen konnte, weil man bei dem Vokal "U" den Mund nicht soweit aufmachen muß: wohingegen der von guter Seeluft umwehte Hamburger lieber Sachen wie "Barbara, mach mal Rhabarbertarte" sage. Und niemandem wäre eine Bemerkung wie "Lieder sind geschmolzene Stadthallen" eingefallen.

          Goldt ist ein zutiefst konservativer Mensch. Er liebte Pullunder schon, bevor sie als sogenannter Retro-Chic von ironischen Mittemenschen in Berliner Bars getragen wurden, und er liebte sie völlig unironisch. Max Goldt ist, auch wenn einige ihn für einen arroganten Klamaukheini halten, ein pathetischer Mensch, er möchte wirklich nicht nach Brasília oder Los Angeles, er hat Angst vor dem Verfall der Sprache und schaut mit einem unter deutschen Autoren einmaligem Entsetzen auf Menschen, die "Samstag" sagen. "Ich bin ein Kind des Nordens, wo die Menschen im Winter Grünkohl essen und ,Sonnabend' sagen statt ,Samstag'. Böse Personen wollen die Menschen des Nordens ihrer eigenwilligen Wochentagsbezeichnung berauben . . . die Fügung ,Sonnabendabend' sei gar ,unschön'. Nur Leute mit einem höchst durchschnittlichen Formempfinden und einem läppischen Sinn für schicken Sound werden sich dieser faden Büromenschenmeinung anschließen können. Es heißt ja auch gar nicht ,Sonnabendabend', sondern ,Sonnamtahmd', und das ist so schön wie ein Sonnenuntergang an einem Sonnabendabend an einer schönen Stelle im Orient, also nicht in einem Elendsviertel, die es ja leider auch gibt, sondern an einer Superstelle mit Marmor, wo gerade eine Riesenflasche mit ganz tollem Parfüm umgekippt ist." Für Elendsviertel interessiert sich Goldt nicht, wofür man ihn nicht mögen muß. Trotzdem: Max Goldt verändert Ihr Leben. Nie wieder wird man die Ökobrot-Körner auf dem Eßtisch einfach wegwischen, nie wieder mehr wird man zum Sonnabend Samstag sagen.

          nma

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