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Rezension: Belletristik : Manchmal fällt kein Schuß

  • Aktualisiert am

Fragmente als Spiegel des Ganzen: Miljenko Jergovic erzählt von bosnischen Verlierern · Von Karl-Markus Gauß

          4 Min.

          Wie schreibt man vom Krieg? Von den Schrecken an der Front, den Massakern im Hinterland, der Begeisterung und dem Entsetzen einer Bevölkerung, die mit allem schlecht versorgt wird außer mit patriotischer Propaganda? Nach und nach erreichen uns derzeit literarische Werke aus Bosnien, Serbien, Kroatien, die davon berichten, wie auf dem Balkan nicht nur ein Staat zerfiel, sondern die dünne Decke der Zivilisation zerriß. Nicht um Bewältigung geht es, sondern darum, eine Sprache für die Überwältigung zu finden: die überwältigung der Menschen durch Phrasen, des einzelnen durch kollektive Gewalt, der Gemeinschaft durch individuellen Terror.

          Der Exilautor Vidosav Stevanovic suchte in "Schnee und schwarze Hunde" (1995) den mörderischen Zerfallskrieg im Roman einer apokalyptischen Endzeit zu fassen. Nicht von Massakern und Schlachten, sondern von der Apathie im gleichgeschalteten Belgrad erzählte hingegen der junge Serbe Vladimir Arsenijevic in seinem aufsehenerregenden Prosadebüt "Cloaca maxima": gespenstisch die Razzien der Militärpolizei, die sich auf den Straßen den Nachschub für die Front greift, unwirklich die Bewohner einer Stadt, die von einer seltsamen Lähmung befallen ist. Die Bosnierin Dragana Tomasevic sandte zur selben Zeit ihre "Briefe nach Sarajevo", Zeugnisse einer Vertriebenen, die aufrechtzuerhalten suchte, was so viele Exilanten schmerzlich entbehren, die Vertrautheit mit den zu Hause Gebliebenen. Der junge Kroate Dragoslav Dedovic wiederum hat sich in seiner "Ballade von den edlen Mördern und den gedungenen Humanisten" (1997) des Krieges als Medienspektakel angenommen.

          Miljenko Jergovic " ein bosnischer Kroate aus Sarajevo, war erst sechsundzwanzig Jahre alt, als der Krieg begann, doch schon ein angesehener politischer Kolumnist. Mit seinen Erzählungen aus dem belagerten Sarajevo, "Sarajevo Marlboro" (1994), die geradezu atemraubend erzählt waren und mit ihren Momentaufnahmen aus dem Leben ganz gewöhnlicher Menschen mehr von der Wirklichkeit des Krieges ahnen ließen als die ewig gleichen Fernsehbilder, war er unversehens zum großen Chronisten des bosnischen Krieges geworden. Claudio Magris rief ihn zum wiedergekehrten Ivo Andric der neunziger Jahre aus, und tatsächlich teilt der abgehackt und rasant erzählende Jergovi c mit dem episch breit und geduldig ausmalenden Andric die Fähigkeit, im Einzelschicksal Geschichte zu fassen, im prägnanten Detail die ganze Tragödie zu spiegeln.

          Nun hat der mittlerweile in Zagreb lebende Jergovic den Prosaband "Karivani" veröffentlicht, im Untertitel als "Ein Familienmosaik" und vom Verlag als Roman bezeichnet. Das ist auch schon das einzige, was sich gegen dieses Buch vorbringen ließe: daß sich Jergovic vergebens bemüht hat, mit einer wenig sinnvollen Rahmenhandlung seinen bosnischen Kurzgeschichten den Anstrich einer Familiensaga zu geben. Jede der vierzig Erzählungen überzeugt für sich genommen. Wer hingegen der Vorgabe des Autors folgt und das "Familienmosaik" zusammenzusetzen sucht, der wird sich im unübersichtlichen Personengewirr rasch verirren und den Zugang zu diesem Buch nicht finden. "Karivani" ist meisterliche Kurzprosa, mit wenig Glück und Geschick in einen Zyklus gezwängt.

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