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Rezension: Belletristik : Magic Hoffmann

  • Aktualisiert am

Ein Roman von Jakob Arjouni als Vorabdruck in der F.A.Z.

          2 Min.

          Die Wiedervereinigung hat in Deutschland den Gegensatz von Provinz und Metropole wiederhergestellt, der auch zu einem literarischen Kunstgriff dienen kann. Erfunden wurde er von Balzac: Er schickte in seinen Romanen die naiven Söhne der Provinz nach Paris und ließ sie die Mechanismen des modernen Großstadtlebens erlernen und durchschauen. Durch die Augen der Ahnungslosen wurde die Welt der Hauptstadt verständlich, was meist auf verlorene Illusionen hinauslief.

          Ganz ähnlich verfährt Jakob Arjouni in seinem neuen Roman "Magic Hoffmann", den wir von morgen an vorabdrucken. Einem breiten Publikum wurde der 1964 geborene Arjouni bekannt durch seine Kriminalromane im hartgesottenen Genre, die er sehr passend in der Stadt Frankfurt und in ihrem Bahnhofsviertel spielen ließ. Arjounis deutsch-türkischer Privatdetektiv Kemal Kayankaya ist spätestens seit der Verfilmung von "Happy Birthday, Türke!" durch Doris Dörrie eine populäre Figur geworden. Auch der Roman "Magic Hoffmann" trägt die Züge einer Kriminalgeschichte, und jedenfalls ist er so spannend, wie man es von einem Krimi nur verlangen kann. Doch zugleich ist er mehr: ein Roman über die neue Hauptstadt Berlin aus der Sicht eines Underdogs aus der Provinz.

          Arjounis Hauptfigur Fred Hoffmann stammt aus dem hessischen Dieburg und hat die Zeit der Wiedervereinigung im Gefängnis verbracht, als Strafe für einen ansonsten erfolgreichen Banküberfall. Nach vier Jahren kommt er frei und fährt nach Berlin, um von seinen damals entkommenen Spießgesellen seinen Anteil an der Beute einzufordern. Dieses Freikommen und der dadurch bewirkte fremde Blick auf die Welt draußen ist, wie man sofort erkennt, eine Verbeugung vor dem größten aller Berlin-Romane, Döblins "Berlin Alexanderplatz", und seinem Helden, dem Haftentlassenen Franz Biberkopf. Auch für Hoffmann hat sich die Welt sehr verändert, was ihm, den die große Politik wenig interessiert, vor allem an Kleinigkeiten auffällt. Inzwischen trägt alle Welt Baseball-Kappen, so daß Hoffmann zunächst glaubt, in Berlin finde ein großes Baseball-Turnier statt.

          Von solchen Beobachtungen lebt Arjounis Roman. Er verfremdet die Geschichte der letzten Jahre zu einem Fassadenphänomen, das seiner Erklärung noch harrt. Erst allmählich findet Hoffmann sich zurecht und beginnt zu ahnen, was die neuen Nazis bedeuten, daß es in Berlin eine Russenmafia gibt und warum alle Welt so angeregt von Deutschland redet. Arjounis tumber Held stolpert durch die werdende Hauptstadt wie durch einen Sandkasten des Weltbürgerkriegs, in dem jugendliche Nazi- und Kommunistenbanden übereinander herfallen, beaufsichtigt von besorgten Intellektuellen, die das ungeheuer spannend finden. Hoffmann ist ein reiner Tor, den alle Welt belehrt, was Arjouni viele Gelegenheiten zu satirischen Sprachbeobachtungen gibt.

          Wir hoffen, daß auch die Leser in Berlin ihren Spaß an diesem leichtfüßigen Roman haben. Gewiß, Berlin muß sich darin viel Spott gefallen lassen; so etwa schaut der kaum zu beeindruckende Hoffmann auf diese Stadt: "Bald kam's ihm vor, als mache er eine Hessen-Rundreise im Schnelldurchgang. Zuerst tauchten riesige Blechhallen auf, grau und fensterlos, mit Autobahnen drumherum, die ihn an Mannheim oder Offenbach erinnerten. Es folgten Fünfziger-Jahre-Halbhochhäuser neben teefarbenem Beamtenbau - Darmstadt -, danach Altbauten mit Stuckfassaden in diversen Pastelltönen - Wiesbaden." Doch seit Metropolen Metropolen sind, haben sie solchen Spott ungerührt ertragen; so wie die Provinz ihren Hochmut zu erdulden lernte. GUSTAV SEIBT

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