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Rezension: Belletristik : Männerelend und Helenentränen

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Nicht peinlich, sondern möglich: Marlene Streeruwitz kennt die Nöte der Alleinerziehenden Von Wilhelm Kühlmann

          "Helene hätte weinen mögen. Still und leise." Es bleibt in diesem Buch nicht bei dem bloßen Wunsch der Helene Gebhardt. Tränen in Tropfenform, auch feuchte Filme über den Augen deuten Enttäuschung und Zorn an, manchmal Apathie, bisweilen unerfüllbare Fluchtträume, immer aber Revolten des Gefühls. Die dreißigjährige Heldin der Geschichte, Mutter zweier liebenswerter Mädchen, ist von ihrem Ehemann, einem Fiesling erster Güte, verlassen worden. Nicht nur daß Gregor sich nun in den Armen einer Sekretärin vergnügt, hinterläßt Bitterkeit. Es kommt noch hinzu, daß er keinen Unterhalt zahlt und überraschend in beängstigender Brutalität auf der Szene erscheint. Kein Wunder, daß sich Helenes somatische Leiden, nervöse Krisen und Aggressionen hier und da im vorgestellten Lustmord an den bösen Männern Luft machen.

          Indem der Leser sich nach und nach mit dem emotionalen Streß der Hauptfigur vertraut macht, taucht er in die Trost- und Gedankenlosigkeit eines Milieus ein, in dem sich die letzten Hemmungen vor der Verwandlung des Lebens in den Ego-Trip verloren haben. Männer übernehmen den Part der Bindungsunfähigkeit. Doch auch mit Püppi, der Freundin, kann sich Helene nicht recht trösten. Diese kräftezehrende Schickimickidame vermag kaum mehr aus sich zu machen als ein Abziehbild der Werbung für Badezusatz. Freilich gähnt hinter den gierig errafften Lustmomenten die Leere. Gerade im Verhältnis dieser beiden Frauen wird klar, woran es allen Figuren mangelt: am Versuch, über das Sprechen zu einer Diagnose der Lage vorzudringen. Wie auch? Wo doch Kategorien nicht mehr zur Verfügung stehen, eigenes und fremdes Verhalten zu bewerten und zu korrigieren, ja außerhalb der eigenen Interessen überhaupt wahrzunehmen.

          Was bleibt, ist die verzweifelte Suche nach Glück, das sich in kümmerlicher Erotik manifestiert, vor allem in den Gedanken an einen Mann, der ganz altmodisch Liebe und Geborgenheit spenden könnte. Freilich wird so eine Dialektik in Gang gesetzt, die Probleme eher verdeckt als auflöst. Das ganz mit seinen eigenen Leiden, Versagungen und Sehnsüchten beschäftigte Ich verfällt seiner verzerrten Optik.

          Was sich in diesen deplorablen "Beziehungskisten" abspielt, wird mit äußerster Nüchternheit in der dritten Person erzählt. Indem dabei jedoch die Perspektive Helenes dominiert, bleiben die anderen Figuren blaß, selbst Henryk, jener fragwürdige Künstler, der von Zeit zu Zeit aus Mailand nach Wien fährt, um sich bei Helene zu holen, was diese doch so dringend brauchen würde: Hilfe und Verläßlichkeit. Statt dessen wird Helenes Hoffnung ausgebeutet, werden auslaufende Empfindungswellen immer wieder hochgeputscht - so lange, bis am Ende der vermeintliche Liebhaber in jenem sozialen Nichts verschwindet, auf das Helene nur manchmal halberschrockene Blicke werfen darf.

          Helene lebt in Wien, doch könnte die Geschichte auch in Gelsenkirchen spielen. Daß eine ehemalige Kunststudentin im Mittelpunkt steht, ist gänzlich folgenlos. Man flüchtet aus der Metropole aufs Land, um sich elegischer Stimmung hinzugeben, und die penible Aufzählung von Straßennamen, Szenelokalen oder Eisbuden bestärkt noch den Eindruck, daß es dieser Autorin nicht darauf ankommt, die Atmosphäre von Handlungsräumen zu gestalten.

          Der brutale Karrierehengst in Gestalt des rücksichtslosen Ehemanns, der lebensschwache Liebhaber, der von Verlegenheit zu Verlegenheit stolpert, am Rande auch der herzlose, nur mit Geld hantierende Vater - kaum ein Typus der männermordenden Frauenliteratur ist ausgelassen. Freilich überschreitet Marlene Streeruwitz niemals die Grenzen zur Karikatur, und daß die feministisch geprägte Figurenkonstellation kaum je lächerlich oder ermüdend wirkt, beweist literarische Könnerschaft. Denn der Leser, auch der weibliche Leser, wird trotz allen Männerelends nicht in die Versuchung geführt, sich umstandslos mit Helene zu identifizieren. Zu groß ist der Abstand, der die Erzählerin von ihrer Gestalt trennt, zu lakonisch der Erzählton, der das Menschliche aus der Distanz des Beobachters objektiviert und Emotionen im leidenschaftslosen Bericht fast kommentarlos wiedergibt. Ein eigenwilliger Stilhabitus breitet sich aus, der das Geschehen selbst virtuos zur großen, in sich evidenten Signatur des Unheils verdichtet.

          Wer anfangs die Protestrufe einer Xanthippe erwartet, frauenpolitische Manifeste befürchtet oder die Mythologeme neuer Weiblichkeit, sieht sich bei diesem Buch auf angenehmste Weise enttäuscht. Marlene Streeruwitz kommt ohne Sentimentalität und Pathos aus. In der Konzentration nicht auf die Rhetorik des Gefühls oder etwa auf lange Protokolle des Bewußtseins, sondern auf die nur angedeutete Symptomatik eines gequälten Innenlebens beeindruckt der Text auch den frauenpolitischen Skeptiker. Denn selbst die wenigen Glücksmomente in Helenes Leben, Augenblicke der Evasion, wirken nicht peinlich, sondern möglich.

          Gewiß, hier wird oft mehr der Bauch als das Gehirn befragt. Doch das artistische Gewissen der Autorin vermeidet den Anschein weiblicher Kumpanei. So enthält der Text eine bestürzende Bilanz moralischer Zerstörung und läßt sich als gelungene Studie über die Deformation von Lebensläufen lesen, die jeder irgendwie zu kennen vermeint. Die Nöte derer, die sonst statistisch als "alleinerziehende Mütter" auftauchen, gewinnen hier dunkle, melancholisch stimmende Überzeugungskraft.

          Marlene Streeruwitz: "Verführungen. Dritte Folge. Frauenjahre". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 296 S., geb., 38,- DM.

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