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Rezension: Belletristik : Machen Sie eine Novelle daraus

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Heinrich Mann im Delikatessenladen des Fin de siècle

          Hohl wirkt heute der Wortrausch der Lobredner zu Heinrich Manns sechzigstem Geburtstag im Jahre 1931, leer die Festrhetorik, mit der Gottfried Benn "den Meister, der uns alle schuf" und "die entfaltetste, deutsche Sprachschöpfung" seit der Jahrhundertwende feierte, leer deren Überbietung bei Rudolf Leonhard: "das vollendetste Deutsch, das seit Heinrich von Kleist geschrieben wurde".

          Daß die DDR den Dichter zu ihrer Galionsfigur zu machen versuchte, indem sie ihm das Amt des Akademiepräsidenten anbot und sein Werk als ihren Kulturbesitz vereinnahmte, hat den nach dem Krieg im Westen um sich greifenden Mißmut noch verschärft. Entweder beherrscht im Lager der Gegner Heinrich Manns kalte Verachtung die Diskussion, oder es werden Krokodilstränen über die Enttäuschung einer früheren Liebe zu diesem Autor vergossen. Bei nur wenigen Schriftstellern überhaupt besteht eine ähnliche Fallhöhe zwischen Ruhm und Geringschätzung.

          Nun macht sich aber die allzu glatte Übereinkunft der Kritiker Heinrich Manns verdächtig. Zu vehement folgte dem "Hosianna" das "Kreuziget ihn!". Besonnenheit ist vonnöten. Wer mehr Gerechtigkeit fordert, muß ja weder Heinrich Manns törichte Rechtfertigung Stalins gutheißen noch die literarische Bedeutung des Bruders Thomas Mann verkleinern wollen, der den schließlich Verarmten im kalifornischen Exil unterstützte. Und es wäre naiv, als feuriger Anwalt des Romanwerks aus dieser Exilzeit aufzutreten, einer Zeit, in der Heinrich Mann trotz hitziger Produktion offenbar ausgebrannt war. Andererseits kann man sich nicht mit jenem Minimalzugeständnis zufriedengeben, das allenfalls dem Roman "Die kleine Stadt" (1909) noch einige literarische Qualität zuerkennt. Da wünscht man sich schon differenziertere Urteile.

          Die Möglichkeit zu genauerer Unterscheidung bietet der jetzt im S. Fischer Verlag herausgekommene Band der frühen, zwischen 1890 und 1902 entstandenen Erzählungen, der sich auf den Band 16 der Akademie-Ausgabe im Aufbau Verlag (1978) stützt. Er lädt zu erneuter Prüfung ein. Auch hier bestätigt sich, daß im Werk Heinrich Manns Spreu und Weizen dicht nebeneinander liegen können. Doch sollte man sich schon die Mühe machen, beides zu trennen.

          Ein Teil der Erzählungen ist zu Lebzeiten Heinrich Manns gar nicht erschienen, darunter die Titelerzählung "Haltlos". Unverkennbar sind hier die Reflexe der eigenen Biographie, der Buchhändlerlehre in Dresden. Schauplatz anderer Erzählungen ist Italien, wohin es den jungen Autor nach einem Verlagsvolontariat bei S. Fischer 1893 für mehrere Jahre zog. Diese Erzählungen bewegen sich zum Teil im Umkreis seiner Trilogie "Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy" (1903).

          Aber die novellistischen Texte Heinrich Manns wollen nicht von seinen Romanen her beurteilt und nicht als deren Abfall-oder Nebenprodukte gesehen werden. Eine einzige Erzählung des Bandes hat annähernd romanhafte Länge, und sie ist eine große taube Nuß: "Die Königin von Zypern". Heinrich Mann selbst hat sie nicht veröffentlicht, und diese Unterlassung ist ein unbestreitbares schriftstellerisches Verdienst. Hier gerät Geschichte zur bloßen erzählerischen Dekoration; in schulbuchhaften Dialogen werden rhetorische Fragen gestellt, damit der Erzähler historische Kenntnisse und Fiktionen ausbreiten kann: Geschichte in bewegten Bildern, aber mit Gestalten aus Gips. Gegenüber der "Königin von Zypern" ist "Henri Quatre", der spätere historische Roman (1935/38), ein reifes Werk. Geglückt als historische Erzählung ist die Geschichte einer westfälischen Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg ("Zwei Neujahrsnächte").

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