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Rezension: Belletristik : Luxus-Luder auf Kaperfahrt

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Christine Gräns "Hochstaplerin" betrügt Patriarchat und Kapital

          4 Min.

          Selbst wo der Hochstapler nur sein egoistisches Interesse verfolgt, hält er - "hinter seinem Rücken", wie Marx sagen würde - einer autoritätshörigen, materialistischen Gesellschaft den Spiegel vor. Karl May tat es aus Hunger und mythomanischer Geltungssucht, der Hauptmann von Köpenick aus preußischem Über-, Felix Krull aus rheinisch-antibürgerlichem Hochmut. In jedem Falle war Hochstapeln Männersache. Zwar gibt es schon bei Pitigrilli und Walter Serner den Typus der erotischen Hochstaplerin, und in Hollywood bediente sich zur selben Zeit das Gold Digger Girl skrupellos männlicher Begierden und weiblicher Verstellungskunst. Doch waren diese Femmes fatales eher Männerphantasien als Pionierinnen der Emanzipation. Inzwischen haben die Frauen freilich aufgeholt und gehen nicht mehr dümmlich blinzelnd wie Marilyn Monroe oder charmant wie Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany" zu Werke, sondern elegant, selbstbewußt und ohne jedes Unrechtsbewußtsein

          Christine Grän hält Frauen für "geborene Hochstaplerinnen". Ihre Felicitas Wondraschek jedenfalls schläft sich vom resoluten Boxer-Luder zur eiskalten Luxushure hoch. Sex ist für sie nur eine "banale Leibesübung", eine Waffe im Geschlechterkrieg, vor allem aber das Kapital der Frau. "Männer definierten sich über Sex, Geld und Macht. Wenn sie es nicht taten, hatte man die Wahl zwischen Impotenz, Feigheit oder intellektueller Arroganz. Es war einfach mit den Männern." Alle sind Sklaven ihrer Eitelkeit, Idioten des Kapitalismus, Zirkusbären am Nasenring ihrer Gier: Man muß ihnen nur ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen. Fee zuckt dabei mit keiner Wimper, und weil es sich bei den lüsternen Sugardaddys, die ihr Geld und Gunst aufdrängen, um Bonner Staatssekretäre, Pfeffersäcke, Waffenhändler, Werbefritzen und Zahnärzte handelt, hält sich ihr und unser Mitleid in Grenzen.

          Grän kennt ihre Pappenheimer; sie war dreimal verheiratet und hat als Klatschreporterin in Bonn auf den Hintertreppen der Macht recherchiert. In "Die Hochstaplerin" tragen Politiker Geldkoffer auf Stiftungskonten in Liechtenstein, und auch ihr Porträt eines Fußballprofis zeugt von bemerkenswerter Einfühlung in die Psyche der Millionärszöglinge in kurzen Hosen. Fees Opfer sind durchweg Täter: Steuerhinterzieher, Anlagebetrüger und potentielle Vergewaltiger; das und ihr dummer Macho-Stolz erklären, warum sie wenig Wert auf brutalstmögliche Aufklärung oder gar Strafverfolgung legen. Schlimmstenfalls nehmen sich die Ehrenmänner das Leben, wie der schüchterne Freiburger Anwalt; aber das sind nur Betriebsunfälle für einen Macchiavell in Netzstrümpfen: "Die Welt war ein Selbstbedienungsladen, und wer nicht zugriff, war selber schuld."

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