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Rezension: Belletristik : Loton, der dicke Menschenfreund

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Ein Leitmotiv des Kriminalromans ist die Gewalt. Ohne Mord oder zumindest ernste Gefahr für Leib und Leben Unschuldiger ist die Suche nach dem Täter reizlos. Wie manche Kinogänger den Saal verlassen, wenn in der ersten halben Stunde nur drei Leichen den Weg des Westernhelden pflasterten, so verlangt es den Krimileser nach einem lohnenden Objekt des wohligen Schauers. Wer wollte schon den Bemühungen eines Ermittlers auf Hunderten von Seiten folgen, wenn nicht ein Feind des Menschengeschlechts zur Strecke gebracht werden soll?

          Ein Leitmotiv der Bücher Antonio Tabucchis ist die Gewalt. In "Erklärt Pereira", seinem erfolgreichsten Buch, erwacht ein Journalist aus seiner Lethargie und schreibt gegen das faschistische Regime in Portugal an. Der im letzten Jahr auf deutsch erschienene Band "Der schwarze Engel" enthält mit "Nacht, Meer und Ferne" und "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in New York einen Taifun in Peking verursachen?" gleich zwei Erzählungen, die sich den perfiden Methoden staatlichen Terrors widmen. Ein suggestives Verhör, ein nächtlicher Überfall durch den Geheimdienst beschwören abermals die Stimmung der totalitären Vergangenheit Portugals herauf. Der italienische Schriftsteller mit der großen Liebe zu dem kleinen Staat auf der Iberischen Halbinsel hat aus seiner Ambivalenz gegenüber der jüngeren Vergangenheit Portugals nie einen Hehl gemacht - und Portugal steht ihm für die Welt. Keines seiner Bücher beschwört die glorreichen Jahrhunderte der portugiesischen Weltmacht, alle aber feiern den Widerstand der Zivilisation gegen politische Willkür.

          So auch "Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro", der jüngste Portugal-Roman Tabucchis, eine Kriminalgeschichte, die auf einem realen Ereignis des Jahres 1996 beruht und nur wenige Monate nach der Originalausgabe auch auf deutsch erscheint. In einem öffentlichen Park von Porto wird die enthauptete Leiche eines jungen Mannes gefunden, der Kopf ist nicht zu finden. Die Lissabonner Boulevardzeitung "O Acontecimento" entsendet ihren Reporter Firmino, um über den spektakulären Fund zu berichten. Alsbald ergeben sich Widersprüche zwischen den Zeugenaussagen und den Auskünften der Polizei. Mit Hilfe des Rechtsanwalts Fernando Diego Maria de Jésus de Mello de Sequiera, den ganz Porto nur "Loton" nennt, weil er dem Schauspieler Charles Laughton ähnelt, deckt Firmino die dunklen Praktiken einiger Angehöriger der Guardia Nacional auf, die den jungen Damasceno Monteiro beseitigt haben, um eigene Drogengeschäfte zu decken. Soweit die Krimihandlung von Tabucchis Buch.

          Man könnte gegen deren Schlüssigkeit einiges einwenden. Bevor Polizeisergeant Titânio Silva, der Mörder Monteiros, sein Opfer verschleppte, überschüttete er ihn im Zorn mit Heroin und feuerte einen Pistolenschuß in die Decke ab. Weder Firmino noch Loton bemühen sich im Laufe ihrer Ermittlungen, diese Spuren zu sichern. Als der Kopf des Toten aus dem Douro gefischt wird, wird die Kugel darin ebenso wenig überprüft wie das Büro Silvas, wo dem Ermordeten das Haupt abgetrennt worden war. Somit ist klar, daß Silva im Prozeß freigesprochen wird. Dem Krimiliebhaber dreht sich bei solchen Versäumnissen der Magen um. Der Literaturfreund aber leckt sich die Lippen, denn Tabucchis Roman ist viel mehr als eine profane Kriminalerzählung.

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