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Rezension: Belletristik : Lobbyisten des Todes

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Attraktiv unkorrekt: Christopher Buckleys blauer Dunst · Von Burkhard Spinnen

          3 Min.

          Nick Naylor hat einen miesen Job. Wollte man nicht nur seine Geschichte, sondern auch seinen Namen aus dem Amerikanischen übersetzen, dann wäre Klaus Sargnagel wohl ganz passend. Naylor rackert nämlich in vorderster Front als Lobbyist für die Tabakindustrie, das heißt, neben der gezielten Verbreitung von Falschinformationen, der Bestechung und/oder Erpressung von Meinungsführern ist es seine wesentliche Aufgabe, sich bei den Veranstaltungen der Tabakgegner so eindrucksvoll zum Opfer zu stilisieren, daß zumindest ein Rest von Sympathie für sein todverbreitendes Gewerbe übrigbleibt. Zum Ausgleich trifft sich Nick abends mit einer Alkohol-Lobbyistin und dem Sprecher der Handfeuerwaffenindustrie, und dann schütten die drei voreinander ihre Herzen über die Aggressivität der Gutmeinenden aus. Übrigens nennen sie sich schlicht "MOD", Merchants of Death, Händler des Todes.

          Eines Tages nun, so setzt die Story ein, Nick ist mittlerweile ziemlich sicher, daß sein Boß ihn von der Stelle mobben will, um eine Gespielin dort zu etablieren, bringt er aus lauter Galgenhumor die Lockerheit auf, einige professionelle Rauchfeinde in einer höchst populären Talk-Show sterbenslächerlich zu machen. Über Nacht wird Nick berühmt und Ziehkind des Doyens der Zigarettenindustrie, dem man beinahe zustimmen möchte, wenn er sagt, daß die beste Verfassung der Welt (also die amerikanische) jedem nun einmal erlaube, einzuatmen, was er wolle; und damit basta. Nick ist von nun an fast rund um die Uhr in allen Medien präsent, und wie berauscht von seinem Erfolg gelingen ihm ein paar spektakuläre Tiefschläge gegen Puristen, Abstinenzler und Emanzipierte, die möglicherweise selbst bei den Puristen, Abstinenzlern und Emanzipierten unter den Lesern dieses Buches einen gewissen Applaus einheimsen könnten.

          Das Buch heißt "Danke, daß Sie hier rauchen" und stammt von dem amerikanischen Satiriker Christopher Buckley, Jahrgang 1952, den man bereits einen würdigen Nachfolger Art Buchwalds genannt hat. Buckley war unter anderem Redenschreiber für George Bush, und nach eigenem Bekunden lebt er seit 1981 in Washington, weil es ihm schwerfalle, diesen Logenplatz mit Blick auf den unerschöpflichen Jahrmarkt der Eitelkeiten und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ohne Zweifel hat von daher seine Satire auf die Machenschaften der Lobbys etwas Schlüsselromanhaftes, und der deutsche Leser ist dankbar für das knappe Glossar, in dem ihm neben unübersetzbaren Wortspielen einige Namen und Begriffe aus der amerikanischen Polit- und Medienlandschaft erklärt werden.

          Doch im Grunde handelt Buckleys Roman weniger von Exotischem als vielmehr von Hiesigem und beinahe schon Vertrautem. Alle satirische Übertreibung der schlimmen Verhältnisse darf nicht übersehen machen (und tut es auch nicht), daß hier eine Art und Weise öffentlicher Kommunikation dargestellt wird, die schon bald so "natürlich" erscheinen könnte wie gestern noch ein im Geiste der Aufklärung geführtes Expertengespräch. In Buckleys satirischer Romanwelt hat sich die Redens-Art der Talk-Show absolut gesetzt: An die Stelle des Austauschs und des Gegeneinanders fundierter Argumente sind Personalisierung und die Dramaturgie der kühnen Behauptung getreten; es geht um Witz und Pointe mit schneller Wirkung, es geht darum, in den wenigen Minuten und Sekunden, in denen das jeweilige Thema zum wichtigsten der Welt erhoben ist, eine gute Figur zu machen. Oder gar nur mehr darum, "Gesichtszeit" einzuheimsen. Denn spätestens nach der nächsten Werbeeinblendung kräht kein Hahn mehr nach der Wahrheit einer Aussage.

          Letzter und einziger Orientierungspunkt in diesem spot- und clipförmigen Diskurs sind die Normen der political correctness, jener rigiden, scheinbar hochmoralischen Sprachregelung, die sich als undurchdringliche Oberfläche über die vollkommen unmoralischen Machenschaften zeitgenössischer Machtausübung gelegt hat. Von Wohlmeinenden geschaffen, um durch eine Reinigung des sprachlichen Umgangs auch die Verbesserung des tatsächlichen zu bewirken, hat sich diese Korrektheit längst zum Modus der universellen Heuchelei entwickelt.

          Wie in einem sportlichen Wettstreit geht es in Nick Naylors Sprachwelt nur mehr darum, sich durch geschickteres Anschmiegen an den Kodex als der Korrektere darzustellen: Als der Tabak-Lobbyist einem staatlichen Beauftragten für die Verhütung von gesundheitlichen Schädigungen vorwirft, er profitiere von jedem Krebstoten, weil er sein Budget erhöhe, und er habe sich nicht in freien Wahlen demokratisch zu verantworten, gewinnt er die Redeschlacht durch technischen K.o.

          Friedhelm Rathjen, Kenner von Arno Schmidt und James Joyce, hat Buckleys Roman übersetzt und dabei das Meisterstück der Übertragung von einem amerikanischen in einen ebenso glaubwürdigen deutschen Jargon abgeliefert. Und aus dem teils zynischen, teils naiven Gerede der Macher und Kenner spricht in hervorragender Anempfindung bereits das Bewußtsein hiesiger Quotenanbeter aller Couleur. Am bestürzend reißerischen Fortgang der Handlung des Romans (Entführung, Mordkomplott) hat Rathjen freilich nichts ändern können. Ebensowenig am Schluß des Buches, der in einer allgemeinen Saulus-Paulus-Metamorphose besteht und dabei selbst so vollkommen politisch korrekt (und schmalzig) daherkommt, daß man versucht ist anzunehmen, der Text wolle sich selbst ironisieren.

          Christopher Buckley: "Danke, daß Sie hier rauchen". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friedhelm Rathjen. Haffmans Verlag, Zürich 1996. 348 S., geb., 36,- DM.

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