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Rezension: Belletristik : Liebe schmeckt wie Kaviar, Hintern sind zum Küssen da

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Manchmal haben die Witze, die Ikonnikow macht und mitteilt, allerdings einen Bart: "Zwischen dem Lenindenkmal und dem Verwaltungsgebäude ist die Bühne aufgebaut. Der Gouverneur hält eine Rede, die alle auswendig kennen: ,Gestern noch standen wir am Rande eines tiefen wirtschaftlichen Abgrunds, aber heute sind wir dank der Reformen einen großen Schritt vorwärts gekommen . . .' Hinter dem Gouverneur haben sich die Beamten wie eine Fußballmannschaft aufgebaut. Ich weiß nicht, ob es zum guten Ton gehört, doch alle haben die Hände dort, wo sie die Fußballer beim Freistoß haben." Die Erzählung "Nachbarn" endet mit dem folgenden kleinen Monolog: ",Ich hab's plötzlich begriffen: Die Welt besteht aus Nachbarn. Du bist mein Nachbar, ich bin deiner. Da ist die Nachbarstraße und das Nachbarhaus und da die Nachbarstadt. Unsere Nachbarn sind die Ukrainer, und die Nachbarn der Ukrainer sind die Polen . . . Europa ist der Nachbar von Asien. Die Erde ist der Nachbar der, wie heißt sie noch? . . . Venus. Versteht ihr? Wir sind alle Nachbarn! Ohne Nachbarn geht es nicht. Ihr seid meine Nachbarn, und ich liebe euch!' Diese schlichten genialen Worte und besonders das Gefühl, mit dem Stepan sie aussprach, haben uns tief berührt. Jeder nahm einen Schluck, und uns wurde ganz warm ums Herz. Lena und Juri Wassiljewitsch bekamen sogar feuchte Augen."

Man muß so etwas mögen. Vielleicht hilft es auch und es wird einem ganz warm ums Herz, wenn bei der Lektüre "jeder einen Schluck nimmt". Unzweifelhaft ist der junge Mann aus der russischen Provinz ein Talent, dem jene Werbekampagne, die ihn mit Klaus Bednarz gleich in die "beste Tradition der großen russischen Dichter" stellt, bei allem guten Willen zugleich auch ein Unrecht tut. Und natürlich gibt es viele gelungene Beschreibungen und kauzig-stoischen Galgenhumor in diesen schlicht und pointiert gearbeiteten Geschichten, jenen beliebten russischen Sound à la "Hier drängeln sich schweißglänzende, eingeseifte Körper, dort schlägt sich einer den Bauch voll, und gegenüber holt man jemandem die Eingeweide raus." Voll das postsozialistisch-russische Leben eben. Aber allzuoft drängt sich bei der stellenweise durchaus recht vergnüglichen Lektüre das Gefühl auf, daß sich Autor und angestrebte Leserschaft in ihren Ressentiments, in ihrer völkerverbindenden deutsch-russischen Gefühligkeit und in ihren Klischees von sich selbst und vom anderen gegenseitig allzu bereitwillig bestätigen und bestätigen lassen wollen - in einer Weise, die auf unserer Seite übrigens auch etwas vertrackt Herablassendes hat.

Vielleicht sind das aber auch zu weit gehende Bedenklichkeiten. Sie hängen wahrscheinlich damit zusammen, daß es namentlich zum Beispiel Wladimir Kaminer in seinen schwächeren Stücken ein wenig übertrieben hat mit diesem realsurrealistisch-lebensprallen russischen Kasatschock-Sound. Warten wir doch einmal den Roman ab, an dem der Autor dieser talentierten, lesenswerten, schlicht-pointierten, manchmal etwas sentimentalen und oft komischen Geschichten gerade arbeiten soll. STEPHAN WACKWITZ

Alexander Ikonnikow: "Taiga Blues". Aus dem Russischen übersetzt von Annelore Nitschke. Alexander Fest Verlag, Berlin 2002. 175 S., geb., 14,90 .

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