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Rezension: Belletristik : Liebe schmeckt wie Kaviar, Hintern sind zum Küssen da

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Er las die Russen", heißt es von einer Figur in Richard Brautigans Roman "Ein konföderierter General aus Big Sur", "und er sprach davon mit diesem gewissen düsteren Unterton, den Leute in ihre Stimme legen, wenn sie sagen ,Ich lese die Russen'." Wer heute in Deutschland darüber spricht, daß er die Russen liest, ...

          Er las die Russen", heißt es von einer Figur in Richard Brautigans Roman "Ein konföderierter General aus Big Sur", "und er sprach davon mit diesem gewissen düsteren Unterton, den Leute in ihre Stimme legen, wenn sie sagen ,Ich lese die Russen'." Wer heute in Deutschland darüber spricht, daß er die Russen liest, muß kompliziertere Untertöne in seine Stimme legen, und der düstere ist unter ihnen nicht vorherrschend. Den Kammerton für unsere zeitgenössische Russen-Lektüre haben Viktor Pelewin, Wladimir Sorokin und Wladimir Kaminer vorgegeben. Jene neue russische Tonlage ist auf eine Art postmodern-komödiantischen Katastrophismus gestimmt. Die literarischen Beobachter des östlichen Imperiums scheinen eine Vorkriegsmaxime der österreichisch-ungarischen Konkurrenz adaptiert zu haben: Sie stimmen darin überein, die Lage der Russen sei heute hoffnungslos, aber nicht ernst.

          Das literarische Rußland der Gegenwart ist eine Art realsurrealistisches Kasperle-Universum, in dem die Mafia, der Wodka, vereiste Treppenhäuser in Wladiwostok, schöne Frauen, prächtige Underdogs mit unrasierten Gesichtern und rauhen Manieren sowie die Geister Lenins und Stalins sich knuffen, küssen und verhauen, unter der Rampe des Guckkastens verschwinden und wiederauftauchen. Das literarische Regelwerk dieser Turbulenzen verleugnet die Abhängigkeit vom magisch-komischen Realismus Bulgakows nicht. Aber auch Gogol, Quentin Tarrantino und Bret Easton Ellis lassen in jenen Büchern grüßen. Ihr Ideal ist eine mit schmunzelndem, aber auch nachdenklichem Kopfschütteln genießbare Unübersichtlichkeit, postsozialistischer Grand Guignol. Den hochliterarisch ernstzunehmenden Pol markiert in diesem neurussischen Literaturensemble Viktor Pelewin, die charmanteste Position hat der Exilrusse Kaminer besetzt, der in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil jenes sich in der Berliner Torstraße versammelnden neuen deutschen Skurrilismus geworden ist, der für den Steuerzahler billigsten und für den Leser, Zuschauer und Biertrinker sympathischsten Fraktion der Hauptstadtkultur.

          Der vom Verlag jetzt mit großem Aufwand und einem gewissen mythenschaffenden Gusto avisierte Erzählungsband "Taiga Blues" von Alexander Ikonnikow reiht sich in den zeitgenössischen russischen Literaturboom in der Position der russischen Volkstümlerfraktion ein. Der Autor lebe weitab von Moskau auf dem Land, heißt es in den Werbematerialien, er könne in Rußland nicht publizieren, er habe keine E-Mail und sei als Gerücht zuerst Gert Koenen zu Ohren gekommen, worauf der Verlag ihn vom Fleck weg engagiert habe und hiermit dem geneigten Publikum vorstelle.

          Es sind kleine, gezielt auf eine Pointe hin gearbeitete Geschichten aus der russischen Provinz, die Ikonnikow erzählt. Manchmal sind sie so pointiert wie ein Witz. Die Geschichte aus einer Strafkolonie zum Beispiel, deren Insassen über der dünnen Kartoffelsuppe eines Tages eine Art historisches Gesetz feststellen: die Korrelation zwischen der wechselnden Ernährungslage und dem Zustand des Haupthaars bei den aufeinanderfolgenden politischen Führungsfiguren. Unter dem kahlen Lenin gab es nichts zu essen, dann "führte Stalin mit seiner Mähne das Land aus dem Ruin, der kahlköpfige Chruschtschow wollte uns Mais vorsetzen. Der nächste war Breschnew! Erinnert ihr euch noch an seinen üppigen Haarschopf und an die Preise in den Lebensmittelläden?" Putins Haarwuchs, das ist die Pointe dieser für Ikonnikows Erzählhaltung in vieler Hinsicht typischen Geschichte, stimmt für die zukünftige Versorgungslage nicht sehr optimistisch, und die Sträflinge brechen angesichts dieser historisch-materialistischen Beweisführung ihre Meuterei ab. "Einer der Offiziere schlug dem Koch auf die Schulter: ,Danke, du hast uns rausgehauen!' ,Küß mich am Arsch', knurrte der und ging in die Küche."

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