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Rezension: Belletristik : Leiden der Stenotypistin

  • Aktualisiert am

Stéphane Roussels Berlin Von Jörg Thomann

          In manchen Zeiten stehen Menschen von klarer Urteilskraft auf verlorenem Posten. "Ein primitives Ding voll unrealisierbarer Zukunftsbilder, die Ideen darin sind nicht revolutionär, sondern aufrührerisch. Überdies strotzt es von grammatikalischen Fehlern" - diese Worte, mit denen die Bibliotheksangestellte Maria das Buch eines damals recht unbekannten Autors trefflich kritisierte, kosten sie später ihren Job. Und während "Mein Kampf" zum Beststeller avanciert, gerät Maria in die Fänge der Gestapo, flieht in den Untergrund und baut sich nach dem Krieg eine neue Existenz auf. Erst Jahre später, im Gespräch mit einem Arzt, wird ihr bewußt, was sie alles erlebte, und sie bricht in Tränen aus.

          Die französische Journalistin Stéphane Roussel, die Erzählerin von Marias Geschichte, hat in ihren jetzt erschienenen "Berliner Novellen" auch eigene Erlebnisse verarbeitet. Während eines Gesprächs im Berliner Kempinski erkundigt sich ihr Begleiter mit Blick auf die uniformierten Nazis an den Nebentischen, ob sie in dieser Stadt keine Angst habe, und ihr wird plötzlich klar, daß sie "vor dem Wort geflüchtet" war, "Tag für Tag. Und nun hatte es mich eingeholt." Aber der Moment des Schwankens ist nur von kurzer Dauer, der Reiz der Stadt stärker als die Furcht. Und wäre Stéphane Roussel zu diesem Zeitpunkt nicht zufällig gerade in London gewesen, so hätte die Korrespondentin der Pariser Tageszeitung Matin auch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch in Berlin miterlebt.

          "Die Hügel von Berlin" (1986), ihr erstes Buch, enthält Reportagen aus Deutschland, wo sie von 1930 bis 1939 eine von insgesamt vier (!) Journalistinnen in Berlin war und ab 1952 Korrespondentin in Bonn; "Jenseits der Nacht" (1990), das zweite, ist eine persönliche Bilanz, gezogen in einer Nacht am Rande zum Tode. Mit den "Berliner Novellen" kehrt Stéphane Roussel jetzt wieder in die Stadt zurück, in der man einst des Nachts wach blieb, "nicht weil der Schlaf sich versagte, sondern weil man den kostbaren Tag verlängern wollte".

          Wo in den "Novellen" die Grenze zwischen Selbsterlebtem und Fiktion verläuft, bleibt im verborgenen. Ein autobiographisches Gedicht mit dem wunderbaren Titel "Deprimierte Stimmung der Stenotypistin einer Artisten-Agentur" etwa verhilft "Stéphanie" zur Anstellung bei einer Zeitung; natürlich ist damit Stéphane gemeint, die ebenfalls in einer Artisten-Agentur arbeitete, wenn auch ihr beruflicher Start etwas anders verlaufen sein dürfte. Zu wahr, um schön zu sein, ist das Treffen der jungen Frau mit Thomas Wolfe, den sie wegen ihrer Verspätung nur noch als Schnapsleiche auf dem Gehsteig vor dem Café findet. Von Enttäuschung jedoch keine Spur. "Mein erster Gedanke war: Er muß Berlin näher sein, als ich dachte. Ein Mann wie er legt sich nicht so vertrauensvoll auf ein fremdes Pflaster, auch wenn er viel getrunken hat."

          Die neuerliche amouröse Enttäuschung einer jungen Verkäuferin mündet - zufällig genau am 30. Januar 1933 - in den Entschluß, sich wie ihre scheinbar glücklichere Kollegin einer "Jugendorganisation" anzuschließen; verblüfft registriert der Leser, wie wenig anklagend, geradezu beiläufig die Französin das Abdriften einer ganz normalen Deutschen in den Nationalsozialismus schildert. Dabei ist Stéphane Roussel weit davon entfernt, irgend etwas oder jemanden entschuldigen zu wollen; sie stellt lediglich dar, lakonisch und präzise, mit der Distanz, die ihr einst durch den Beruf auferlegt war.

          Stéphane Roussels Novellen - und diesen Titel tragen die Geschichten zu Recht - handeln von den kleinen und großen Geheimnissen der Menschen, von ihren zerbrechenden Illusionen und der Kraft, mit der sie aufrecht ihren Weg fortsetzen. Manchmal komisch, oft mit melancholischem Unterton, doch nie sentimental, sind sie Zeugnisse der Lebensbejahung Stéphane Roussels und ihrer tiefen Freundschaft zu Berlin, die sie sich über die Jahre bewahrt hat. Die Stadt, soviel steht fest, braucht solche Freunde.

          Stéphane Roussel: "Berliner Novellen". Rowohlt Verlag, Reinbek 1995. 158 S., geb., 32,- DM.

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