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Rezension: Belletristik : Leg dich zu mir, Rotkäppchen

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Mit Rotkäppchens Gesicht fängt seine Geschichte an: Die junge Bilderbuchkünstlerin Susanne Janssen setzt es so ins Bild, daß es fast die ganze Seite ausfüllt. Wie in der Karikatur sind Rumpf, Arme und Beine kleine, peinlich wirkende Anhängsel des Gesichts, das uns anschaut aus einer großen Tiefe und zugleich so nahe gerückt ist, daß wir jede seiner Verschattungen erkennen können.

          Mit Rotkäppchens Gesicht fängt seine Geschichte an: Die junge Bilderbuchkünstlerin Susanne Janssen setzt es so ins Bild, daß es fast die ganze Seite ausfüllt. Wie in der Karikatur sind Rumpf, Arme und Beine kleine, peinlich wirkende Anhängsel des Gesichts, das uns anschaut aus einer großen Tiefe und zugleich so nahe gerückt ist, daß wir jede seiner Verschattungen erkennen können. Ein leidenschaftliches Interesse am Gesicht prägt das gesamte Bilderbuch, als übe die Künstlerin das Malen von Haut, Augen, Mund. Ihr gelingt tatsächlich ein Inkarnat, das dank lasierender Schichten und fleckig aufgetragener Farbe zu atmen scheint. Ähnlich lebendig wirken die Augen mit ihrem feuchten Glanz.

          Blick und Lippen erzählen eine andere Geschichte als das Kleinkindermärchen der Brüder Grimm, deren Text die Illustratorin ihrem Buch zugrunde gelegt hat. Wie sie hatte auch schon Charles Perrault das Märchen vom Rotkäppchen erzählt: eine Warngeschichte für junge Mädchen vor den wölfischen Verführern, die überall auf der Lauer liegen. Bei Perrault spricht der Wolf ungeniert aus, worauf es ihm ankommt: "Leg dich zu mir." Die Psychoanalytiker folgten Perraults Interpretation und haben das Märchen als Entwicklungsgeschichte gelesen, in der das rote Mützchen die Menarche symbolisiert, aber auch für das Blut der verletzten Jungfräulichkeit stehen mag.

          Susanne Janssens Rotkäppchen blickt die Mutter als folgsames Kind an, durch den Wald aber stakst es schon auf Stöckelschuhen und wirft kokette Blicke nach dem sich lasziv räkelnden Wolf. Bald liegt es ausgestreckt im Wald und hat den Mund geöffnet in einem Ausdruck zwischen Lust und Schrecken. Danach trinkt es aus einem Waldsee, wie Narziß weit übers Wasser gebeugt. Bevor es später zum Wolf ins Bett steigt, blickt es schräg am Betrachter vorbei, mit wissenden Augen und verschmiertem Lippenstiftmund.

          Neben den Gesichtern faszinieren die Künstlerin die transparenten und spiegelnden Medien Glas und Wasser. Kunstvoll öffnen sich Fenster, wehen Gardinen im Wind, spiegeln sich die Figuren in aufgeklappten Fensterscheiben und im See. Trotz dieser im Hintergrund aufleuchtenden Bilder leichter Helligkeit überwiegt indes ein lastender Ernst, der es schwermacht, sich das Buch in den Händen von kleinen Kindern vorzustellen. Es sind nicht die schroffen Perspektivwechsel und verzerrten Proportionen - die hat die Bilderbuch-Avantgarde schließlich seit Jahren erfolgreich gegen die flache Niedlichkeit der Massen-Kinderkultur gesetzt. Zu ihnen kommen hier unklare Gegenstandsbezüge, ein manchmal schwer zu enträtselnder Bildaufbau (der obendrein durch den Falz empfindlich gestört wird), eine ungewisse Betrachterperspektive und eine prekäre Erotisierung der Bilderzählung.

          Es ist zweifellos ein großer Gewinn der zeitgenössischen Kinderliteratur, daß ihre besten Werke auf unterschiedlichen Niveaus der Reflexion und der literarischen Erfahrung gelesen werden können. Sie wecken das Spiel der Einbildungskraft bei Erwachsenen wie bei Kindern. Nicht so Susanne Janssens Rotkäppchen-Interpretation - sie dürfte der naiven Lektüre kaum zugänglich sein.

          Vielleicht wäre das anders, wenn ein bißchen Komik, Witz oder Ironie im Spiel wären. Sie würden Distanzierung erlauben und befreiendes Lachen oder Lächeln. Dazu bietet die alte Geschichte viele Gelegenheiten, wie zum Beispiel Yves Pommaux' Transposition des Märchens in eine Detektivgeschichte gezeigt hat. Solche Auswege der Distanzierung erlaubt Susanne Janssens märchenpsychologische Studie mit den dicht an den Betrachter gezoomten Gesichtern nicht. Daher gehört ihre Bilderfolge in die Kategorie jener Bücher, deren Waschzettel von vornherein darauf hinweisen, daß sie für Kinder ungeeignet sind, dafür aber um so mehr "für kunstinteressierte Erwachsene".

          GUNDEL MATTENKLOTT.

          Brüder Grimm: "Rotkäppchen". Mit Bildern von Susanne Janssen. Carl Hanser Verlag, München 2001. 32 S., geb., 14,90 . Für jedes Alter.

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