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Rezension: Belletristik : Langsam im Schatten

  • Aktualisiert am

Milan Kundera knetet ein Knie Von Hubert Spiegel

          3 Min.

          Dieses kleine Buch ist ein langer Seufzer. Aber was unternimmt Milan Kundera nicht alles, um diesen Seufzer zu maskieren. "Die Langsamkeit" ist Medienschelte und Kulturkritik, Roman und philosophischer Traktat, literarhistorischer Exkurs und Schlüsselgeschichte. Kundera beklagt die moralische Korruption der Intellektuellen und den Verlust der Intimität durch das Fernsehen, er bejammert das Schicksal der Liebe in einer Zeit, die den Genuß verlernt hat und nur mehr die besinnungslose Ekstase kennt, und er verflucht die Tyrannei der Beschleunigung. Das alles ist nicht falsch, und so könnte der Leser zerstreut, aber beifällig mit dem Kopf nicken und sich mit großer Geschwindigkeit einem besseren Buch zuwenden. Zumal Kundera selbst zwei Empfehlungen gibt: die "Gefährlichen Liebschaften" des Choderlos de Laclos und Vivant Denons "Kein Morgen".

          Vivant Denons Novelle kommt dem Erzähler in den Sinn, während er im Rückspiegel seines Autos die verbissenen Überholversuche eines Verfolgers auf der Landstraße beobachtet. Lebten wir in besseren Zeiten, so glaubt der Erzähler, als der sich Kundera selbst später zu erkennen gibt, so würde sein Verfolger langsamer fahren, der Frau neben ihm etwas Lustiges erzählen und ihr "die Hand aufs Knie" legen. Und auch die Beifahrerin würde nicht versäumen, den "Fahrer mit der Hand zu berühren". Das also ist Kunderas Vison vom Goldenen Zeitalter: Ein heiteres Wort auf den Lippen und einander innig die Knie knetend, zockelt die Menschheit zu Paaren über die Landstraßen, unterwegs zu komfortabel ausgebauten Rokokoschlößchen in der französischen Provinz, um sich dort übers Wochenende der Liebe hinzugeben.

          Aber die Zeiten, sie sind nicht so. Die Autofahrer rasen, dem Dämon Geschwindigkeit verfallen, und in dem französischen Schloß, in dem der Erzähler und seine Frau ein geruhsames Wochenende verbringen wollen, tagt ein Insektenforscher-Kongreß. Hier führt, im Verlaufe eines Abends und einer Nacht, Kundera sein Personal zusammen. Vincent, der junge Freund des Öffentlichkeitstheoretikers Pontevin, lernt die junge Stenotypistin Julie kennen und erlebt eine desaströse Liebesnacht mit ihr. Der Intellektuelle Berck, ein Medienclown und Erzfeind von Pontevin und Vincent, inszeniert sich wie üblich vor den Fernsehkameras und flüchtet vor seiner Jugendliebe Immaculata, die sich nun, im reiferen Alter, endlich bereit zeigt, Berck zu erhören. Der tschechische Insektenforscher Cechoripsky, früher einmal infolge eines Irrtums als Dissident mit einem Berufsverbot belegt, hat die letzten Jahre auf dem Bau verbracht. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach zwanzig Jahren wird er am Rednerpult von Rührung übermannt und vergißt, seinen Vortrag zu halten.

          Es ist ein Pandämonium lächerlicher Figuren, zusammengerufen einzig und allein, um Kunderas Seufzer zu beglaubigen. Aber die Schwätzer, Versager und Maulhelden unserer Tage reichen ihm nicht. Kundera will das zwanzigste Jahrhundert gegen das achtzehnte ausspielen. Deshalb braucht er de Laclos und vor allem Vivant Denon, den Dramatiker und Zeichner, der Napoleon nach Ägypten begleitete und erster Generaldirektor der Museen von Paris wurde. Kundera entwickelt zwar eine Typologie des heutigen Intellektuellen, dessen Feld nicht mehr die Künste und ihre Theorie, sondern die Moral und ihre Praxis bilden. Aber er stellt dem Medienclown, dem "Tänzer", wie Pontevin ihn nennt, nicht den Aufklärer gegenüber, sondern eine andere Figur des achtzehnten Jahrhunderts: den Liebhaber. Kundera erzählt eine Novelle Denons nach und läßt ihren Helden in seinem Roman auftreten.

          "Kein Morgen", entstanden als Gegenbeweis für die am Hofe aufgestellte Behauptung, man könne keine Liebesgeschichte erzählen, ohne frivole Worte zu verwenden, dient als samtig schimmernder Hintergrund, vor dem die Gegenwart sich nur um so fader ausnehmen soll. Das Liebesabenteuer, von dem die kurze Novelle erzählt (unter dem Titel "Nur eine Nacht" im manholt Verlag erschienen), lebt von der Kunst der Täuschung und der Verzögerung. An ihrem Ende stehen ein betrogener Ehemann, eine betrogene Geliebte, ein genasführter Liebhaber und ein ratloser Erzähler, dessen letzter Satz lautet: "Ich suchte die Moral dieses ganzen Abenteuers und . . . fand keine." Denons Moral liegt dabei auf der Hand: Das Spiel der Lust ist sich selbst genug. Es hat Regeln, aber keinen höheren Sinn.

          Kundera läßt am Ende seines Romans achtzehntes und zwanzigstes Jahrhundert im Schloßhof aufeinandertreffen. Die Nacht ist vorüber, man reist ab. Während Vincent sein Motorrad besteigt, um davonzubrausen und im Rausch der Geschwindigkeit die blamablen Ereignisse der Nacht zu vergessen, lehnt sich der Chevalier behaglich in die Polster seiner Kutsche, entschlossen, den Genüssen dieser Nacht solange wie möglich nachzusinnen. Im Auto aber sitzt der Erzähler, der die Szene beobachtet hat, und läßt den Motor an. Er legt den Gang ein, faßt seiner Frau ans Knie, macht eine geistreiche kleine Bemerkung und fährt los. Der Rest ist Seufzen.

          Milan Kundera: "Die Langsamkeit". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Susanna Roth. Hanser Verlag, München und Wien 1995. 151 S., geb., 34,- DM.

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