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Rezension: Belletristik : Länge, Breite, Tiefe je einsfünfzig

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Skurril, intelligent und trocken wie der Wüstensand: Louis Sachars Jugendroman "Löcher"

          Das Lieblingswort aller Verlierer ist "wenn". Wenn, ja wenn, beginnt das Lied, das Stanley seinen Vater als Kind so gern singen hörte. Wenn in grauer Vorzeit nicht einer ihrer Urahnen dieses Schwein gestohlen hätte, zum Beispiel, wäre alles anders gekommen. Dann läge nicht dieser Fluch des Mißerfolgs auf der Familie, dann wäre Papa ein berühmter Erfinder und Stanley hätte man nicht wegen Diebstahls verknackt - unschuldig, versteht sich. Aber so sitzt Stanley in der Besserungsanstalt ein, und dort gräbt er Löcher. Einsfünfzig tief und einsfünfzig weit und jeden Tag genau eines. Abertausende solcher Löcher klaffen bereits am Green Lake, an dem gar nichts grün ist. Es gibt allerdings auch keinen See.

          Wo Stanley und seine schwer erziehbaren Kumpel graben, gibt es in alle Himmelsrichtungen nichts als Wüste, flirrende Hitze und gelb gefleckte Eidechsen. Der Biß dieser Tiere ist tödlich, sie sind allergisch gegen Zwiebeln, und sie treiben sich gern in - na, wo wohl - tiefen Löchern herum. Graben, so rechtfertigen die Betreiber des Lagers die Existenz der Löcher, bildet den Charakter. Das ist natürlich Quatsch, denkt der Rezensent, da steckt mehr dahinter, und so macht er sich Gedanken über die Metaphysik des Loches und darüber, was Louis Sachar uns mit alldem scheinbar planlosen Geschaufel wohl sagen will. Glücklicherweise will Sachar hauptsächlich eines: uns mit einer Geschichte in Trance versetzen, die strahlt, anrührt und begeistert. Und deshalb läßt er Stanley beim Graben etwas finden.

          "Löcher" ist eines jener Bücher, über deren Inhalt man kaum ein Wort verlieren darf, weil man sonst automatisch zum Spielverderber wird. Daher nur so viel: Hier geht es um Kostbareres als um den Schatz, den Stanley schließlich ausgräbt. Es geht um die ganz großen, schicksalhaften Dinge.

          "Löcher" erzählt eine Geschichte, die vor mehr als hundert Jahren begann, eine Geschichte von Ehre und Gewissen, von Schuld und Sühne, von Liebe und Tod, Bestimmung und Erlösung. Eine ganz und gar altmodische Sache also. Ein Märchen, eine Familiensaga mit mythologischen Zügen. Weil ein Märchen alles darf, kommt der Leser gar nicht auf den Gedanken, sich über die vielen Löcher zu wundern. Oder über die vielen Zwiebeln. Noch nicht einmal über diese Frau, die sich die Nägel mit Klapperschlangengift lackiert, um damit ihren Schutzbefohlenen das Gesicht zu zerkratzen. Überhaupt gibt es hier jede Menge Groteskes, Absurdes, Grausames, Skurriles. Die wunderbare Schlußszene des Buches liest sich, als hätte Quentin Tarantino eine seiner bitterbösen Geschichten für eine Schülerzeitung verfaßt (und darin alle Waffen durch gelb gefleckte Eidechsen ersetzt.)

          Man mag gar nicht daran denken, was daraus hätte werden können: vermeintlich böse Jungen mit goldenen Herzen in der Besserungsanstalt, pädagogisch betüddelt von einem gutmenschelnden RobinWilliams-Verschnitt - nach genau diesem Muster sind derlei Erzählungen sonst gern zugeschnitten. Tatsächlich gibt es sie auch hier, die sattsam bekannten Mannbarkeitsrituale, die Freundschaft mit dem berühmten Außenseiter, die bösen, bösen Lagerleiter. Doch Sachar handelt all das wie nebenher ab; was schon tausendmal erzählt wurde, nimmt er einfach mit und stellt es geschickt in den Dienst seiner Geschichte. Seiner Hauptfigur Stanley fehlt wirklich alles, was amerikanische Helden normalerweise ausmacht. Er ist zu dick, von eher intuitiver als analytischer Intelligenz, und wo andere gegen ihr Schicksal aufbegehren würden, läßt er einen vorsichtigen, aber überaus gesunden Pragmatismus walten. Er versteht es, die Dinge des Lebens von mehr als nur einer Seite zu sehen - wundert es da, daß ihm die Rolle desjenigen zufällt, der die Familie von ihrem Fluch erlöst?

          "Löcher" ist spannend, romantisch und von einer unaufdringlichen, feingesponnenen Weisheit. Sachar versteht es, die Wüste mit drei Sätzen so zu beschreiben, daß dem Leser noch Seiten später die Zunge am Gaumen klebt. Mit knappen Mitteln baut er eine Atmosphäre auf, die nur einem Ziel verpflichtet ist: Sein Held hat darin zu arbeiten, zu leben, zu atmen. Da ist nichts Prätentiöses, da ist kein Wort zuviel. Als Dreingabe findet sich ein Humor, der so fein wie Wüstensand ist und mindestens ebenso trocken. Einziger Vorwurf: Etwas knapper bemessene Fußmärsche durch die Wüste hätten es auch getan. Aber sonst: fünf von fünf Schaufeln. Löchern. Echsen. Sternen.

          ANDREAS STEINHÖFEL.

          Louis Sachar: "Löcher - Die Geheimnisse von Green Lake". Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2000. 296 S., geb., 26,- DM. Ab 12 Jahre.

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