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Rezension: Belletristik : Kywitt! Kywitt!

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Dat is nu all lang her", der erste Satz des dreiundzwanzigsten Märchens der vorliegenden Ausgabe, entspricht der unpräzisen chronologischen Angabe, mit der Märchen für gewöhnlich einsetzen. Das folgende "woll twee dusend Joor" ist hingegen ungewöhnlich. Warum setzt ausgerechnet das Märchen "Van den Machandelboom" ...

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          Dat is nu all lang her", der erste Satz des dreiundzwanzigsten Märchens der vorliegenden Ausgabe, entspricht der unpräzisen chronologischen Angabe, mit der Märchen für gewöhnlich einsetzen. Das folgende "woll twee dusend Joor" ist hingegen ungewöhnlich. Warum setzt ausgerechnet das Märchen "Van den Machandelboom" mit einer solchen Datierung ein? Und warum wird dieses Märchen - ebenso wie "Von dem Fischer un syne Fru" - auf Platt wiedergegeben, während die Spuren anderer Mundarten weitgehend getilgt sind?(Allein das Hessische darf gelegentlich hervorblinzeln.)

          Der Leser dieser Rezension wird auf diese Fragen keine Antworten erhalten. Der Rezensent weiß es nicht; er hat nicht nachgeschlagen. Womöglich gibt der Kommentarteil der Ausgaben des Diederichs Verlags oder des Deutschen Klassiker Verlags Auskunft über diese und andere Merkwürdigkeiten. Die vorliegende kleine Ausgabe des Haffmans Verlags aber hat keinen Kommentar, keine Einleitung und kein Nachwort. Sie bietet allein die Märchen, und auch davon nur ein Viertel, nämlich jene fünfzig Stück, die Wilhelm und Jacob Grimm für die sogenannte "Kleine Ausgabe" von 1825 ausgesucht haben. Die Haffmans-Ausgabe folgt in Inhalt und Orthographie jenem Band der ,"Kinder- und Hausmärchen", der beim Verlag G. Reimer in Berlin erschien und zum Erfolg des Grimmschen Werkes kräftig beitrug.

          Mag sein, daß mit dieser Beschränkung Verlust verbunden ist, aber zugleich verspricht sie den Gewinn des unmittelbaren Eindrucks, der nicht-philologischen Lektüre. Je weniger Antworten der Märchenleser durch rasches Nachschlagen im Kommentarteil erhält, desto mehr Fragen stellen sich ihm im Verlauf der Lektüre, etwa zu jenem seltsamen Märchen vom Mandelbaum, in dessen Geäst ein Vogel hockt und ein merkwürdiges Lied singt:

          Min Moder de mi slacht't,

          min Vader de mi att,

          min Swester de Marleeniken

          söcht alle mine Beeniken

          un bindt se in een syden Dook,

          legts unner den Machandelboom;

          kywitth, kywitt! ach watt en schön

          Vagel bin ick!

          Ich bin ja ein schöner Vogel, soll dieser Ausruf bedeuten, und er ist ironisch gemeint: Von der Mutter, der bösen Stiefmutter, enthauptet, kleingehackt und im großen Bratentopf gekocht, vom ahnungslosen Vater mit Appetit und Behagen verspeist, das ist das Schicksal des kleinen Jungen, der nun, nach seinem Tod, als Vogel im Mandelbaum hockt und sein schaurig-trauriges Lied singt: "Ach, was für ein schöner Vogel bin ich."

          Die "Beeniken", das sind die Knöchelchen, die seine Schwester nach dem Mahl im Topf zusammensucht und in ein seidenes Tuch hüllt, das sie ins grüne Gras vor dem Mandelbaum legt. Das ist der letzte Dienst, den die Schwester dem Bruder erweist, von dem sie glauben muß, sie hätte ihn getötet, denn die arglistige Stiefmutter, die den Jungen geköpft hat, vertuscht ihre Tat und weiß es so einzurichten, daß Marleenchen sich für schuldig am Tod des Bruders halten muß.

          Kaum liegen die Knochen im Gras, bewegt sich der Baum, Nebel kommt auf, ein Feuer brennt in den Zweigen, und plötzlich sitzt ein Vogel im Geäst und singt sein Lied, das so schön ist, daß ihm der Goldschmied eine goldene Kette, der Schuster ein Paar roter Schuhe und der Müller einen großen Mühlstein gibt, damit er es noch einmal sänge. Die Kette läßt er seinem Vater im Fluge um den Hals fallen, die roten Schuhe bekommt Marleenchen, der Mühlstein erschlägt die Stiefmutter und beendet mit ihrem Tod die Verwandlung: "da stund de lüttje Broder, un he namm sinen Vader un Marleenken by de Hand, un weeren alle dree so recht vergnögt un gingen in dat Huus by Disch un eeten."

          Die widernatürliche Untat, das grausige Schicksal des Jungen, die Schönheit seines Klageliedes, das dem Künstler jene Gaben als Lohn einträgt, mit denen er Vater und Schwester beschenken und die Stiefmutter bestrafen kann - das ist der Stoff eines Dramas, wie es die attische Trägodie am Beispiel des Thyestes erzählt, der unwissentlich die eigenen Söhne verspeist, die ihm sein Bruder Atreus an der Festtafel zum Mahl servierte. So geschehen vor woll twee dusend Joor.

          Fünfzig Märchen also, von "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich" über "Der gute Handel", "Die treuen Thiere" und "Fitchers Vogel" bis zu "Die Sternthaler", das nur 36 Zeilen lang ist. Fünfzig Märchen, versammelt in einem kleinen Büchlein, hochelegant, in seidig glänzendem, sternthalerfarbenen Leinen gebunden, von keinem Schmuck geziert, nur die Unterschriften von Jacob und Wilhelm Grimm stehen in schwarzen Lettern auf den goldenen Grund des Einbands. Wer dieses Juwel auf seinen Nachttisch legt und morgens und abends je ein Märchen liest, wird fast vier Wochen lang glücklich einschlafen und freudig erwachen.

          Jacob und Wilhelm Grimm: "Kinder- und Hausmärchen". Nach der "Kleinen Ausgabe" von 1825. Haffmans Verlag, Zürich 2001. 368 S., geb., 36,- DM.

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