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Rezension: Belletristik : Kurti, Gabi, Gerti und der tiefe Baggersee

Bild: Rowohlt

Man muß mit Elfriede Jelinek schon sehr herzlich lachen können, um sich zu Tode zu amüsieren in ihrer Gesellschaft. In „Gier“ zerrt sie an der Sprache wie an einer Schleppe, deren Gewicht ihr Ich ständig zu erwürgen droht.

          4 Min.

          Der Gendarm Kurt Janisch ist ein fescher Mann, einer, "wie er uns Frauen eben gefällt". Er ist energisch und stattlich und ganz "von einer Art Gier" beherrscht. Die Frauen - das sind "wir, vor allem die mit den älteren Geschlechtern" - sind ganz närrisch nach so einem. Deshalb kann der Gendarm so leicht ein Auge "auf den Grund und Boden" der Frauen werfen. Dem Grundbuch gilt nämlich seine Gier, der Bauplan ist Ziel seiner Lust, er will das Haus der Frau - trotzdem: "Zu hassen ist nicht gut, erst wenn Sie mir sagen wen, kann ich wirklich sagen, ob es gut oder schlecht ist. Es gibt manchen die Energie, die sie brauchen, wie ein Marsriegel, der vom Kriegsgott direkt kommt und in die Figur des Menschen abstürzt, bis diese zerflossen ist."

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Diese Exposition hat es in sich. Das kontaminierte Gelände ist markiert. Elfriede Jelinek bringt ein von ihr in jahrelanger Schreibarbeit gesichertes Dogma zum Wanken. Wir, die ständig angesprochenen Leser, müssen uns in "Gier" schleunigst von der liebgewordenen Gewohnheit verabschieden, die gute alte Mann-Frau-Herrschaftsverhältnis-Nummer einmal mehr als Sexualisierte-Sprache-ist-Machtsprache-Revue vorgeturnt zu bekommen. Diese verhurte Sprache hat nämlich die Fronten ganz gewechselt, in die Münder der Opfer hinein, der Frauen, die ein Begehren aussprechen, daß einem jedes Mitleid an ihrer Misere vergeht: "Sehen Sie ihn nicht", erläutert die als Ich erzählende Instanz auf halber Strecke dieser Einbahnstraße in die Selbstauslöschung, "diesen Körper, der mir vor Augen steht, beinahe könnte ich selbst ein Interesse an ihm haben, meine Augen wollen Unanständiges sehen, und meine Hände wollen Unanständiges angreifen und damit herumspielen, und leider will ich dann immer nur Unaussprechliches aussprechen, wie unangenehm, wenn auch nur für mich." Selbst das auktoriale Ich wird nicht so einfach mit einem Kurt Janisch fertig. Die Front ist aufgeweicht. So deutlich war Elfriede Jelinek nie wie das Ich ihres "Unterhaltungsromans".

          In "Gier" sind die Frauen nur noch sperrangelweit geöffnete Einfallstore zur Durchdringung von Raum. Ihre ureigene Funktion als Objekte männlicher Lust haben sie nahezu völlig eingebüßt; es ist jetzt viel schlimmer. Jelinek liefert die Frauen gnadenlos dem Okkupator aus, Lemminge ihrer Bestimmung, "immer dasselbe" zu wollen und "dann noch einmal". Für diese unfrohe Erkenntnis ist ein Dorfkrimi genau das Richtige, Tatort Steiermark. Da sind eben der Gendarm Kurt Janisch, fünfzig Jahre alt, und seine Frau, die gar keinen weiteren Namen braucht. Da ist Gabi Fluch (was für ein hübscher Name), die noch nicht sechzehnjährige Asthmatikerin mit Ambitionen, die den Kurti will, und da ist Gerti (wieder eine Gerti, wie schon in "Lust", aber jetzt ohne Ehenamen), die Fünfzigjährige, die nach Kurtis Künsten lechzt. Noch höflicher kann man es leider nicht ausdrücken, deutlicher schon, wie Jelinek auf 460 Seiten beweist.

          Natürlich verankert Elfriede Jelinek "Gier" in einem sozialen Feld, das gar kein weites, sondern ein furchtbar übersichtliches ist. Denn ihr Unterhaltungsroman ist ein Gesellschaftsroman, deshalb auch nicht länger monoman. Die Frau funktioniert als durchdrungener (Innen-)Raum, der schließlich in der kleinsten Hütte ist; Genommen im Herrgottswinkel ist sie pars pro toto für die Raumerweiterung. Die anschwellende Gier nach ihrem Grund und Boden darf derweil gern Deckfigur für die verklemmte Begierde nach den jungen Gendarmenkollegenleibern sein, an denen sich der Kurt in der Umkleidekabine wie aus Versehen reibt. Aber die haben kein Häuschen, dessen Überschreibung der Gendarm anstreben könnte durch ein Eheversprechen. Jelinek entkommt an diesem Punkt knapp einer üblen Denunziation - sogar elegant; denn die jungen Männer reagieren nicht auf diese Gier des Gendarmen, bis auf weiteres. Nun, dieser Gendarm ermordet leider die ihm verfallene, aber besitzlose Minderjährige, und die alternde, die hausbesitzende Frau geht ihren unausweichlichen Weg.

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