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Rezension: Belletristik : Kokon aus Weisheit und Wahrheit

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Hitler ist tot, und der alte Hamsun schreibt den Nachruf. Am 7. Mai 1945 erscheint er in der norwegischen Zeitung "Afterposten": "Ich bin dessen nicht würdig, mit lauter Stimme über Adolf Hitler zu sprechen, und zu sentimentaler Rührung laden sein Leben und seine Taten nicht ein. Er war ein Krieger, ein Krieger für die Menschheit und ein Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen.

          Hitler ist tot, und der alte Hamsun schreibt den Nachruf. Am 7. Mai 1945 erscheint er in der norwegischen Zeitung "Afterposten": "Ich bin dessen nicht würdig, mit lauter Stimme über Adolf Hitler zu sprechen, und zu sentimentaler Rührung laden sein Leben und seine Taten nicht ein. Er war ein Krieger, ein Krieger für die Menschheit und ein Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen. Er war eine reformatorische Gestalt von höchstem Rang, und es war sein historisches Schicksal, in einer Zeit der beispiellosen Rohheit wirken zu müssen, die ihn schließlich gefällt hat. So wird der gewöhnliche Westeuropäer Adolf Hitler sehen, und wir, seine treuen Anhänger, neigen nun unser Haupt angesichts seines Todes."

          Jetzt greift die Polizei ein. Am 26. Mai 1945 stellt sie das Ehepaar Hamsun unter Hausarrest. Zwei Wochen darauf nimmt sie die beiden mit. Marie Hamsun wird ins Gefängnis geworfen, Knut Hamsun aufgrund seines Alters - er ist 86 Jahre alt - in ein Krankenhaus überführt. Die Anklage lautet auf Landesverrat und Anstiftung zu strafbaren Handlungen. Im September kommt Hamsun in ein Altersheim. Im Oktober wird der Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik in Oslo aufgefordert, ein Gutachten über den Dichter zu erstellen. Hamsun verbringt 119 Tage in der Klinik. Der Befund: Er sei nicht geisteskrank, seine geistigen Fähigkeiten aber seien nachhaltig geschwächt. Im Februar 1946 wird er aus der Klinik entlassen. Freiwillig geht er ins Altersheim zurück. Der Staat erklärt, daß die Anklage wegen dieses Befundes nicht mehr aufrechterhalten werde. Die Krone gibt nicht nach und klagt ihn wegen seiner Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei Norwegens an. Er wird Ende 1947 dazu verurteilt, eine Entschädigung zu zahlen. Seine Frau wird wegen ihrer Mitgliedschaft in der Nasjonal Samling und ihren Propagandaaktivitäten zu drei Jahren Zwangsarbeit und einer Geldstrafe verurteilt.

          Der alte Hamsun döst nicht. Obwohl er fast taub ist und schlecht sieht, ist er hellwach. So ein Kerl wie er, hochgewachsen und selbstsicher, einer, der sich durchgeboxt hat und durch die Welt gekommen ist, gibt sich nicht einfach geschlagen. Am Lebensende angelangt, hat er einen wichtigen, seinen allerwichtigsten Streit auszufechten. Nicht mit dem Gericht, sondern mit sich selbst. Er hat 1917 für seinen Roman "Segen der Erde" den Literaturnobelpreis erhalten, er war einmal der Nationaldichter Norwegens gewesen. Doch auch wenn er das nicht mehr ist - er ist, das hofft er, ein Dichter, also einer, dem die Menschen komisch und tragisch und die Einrichtungen dieser Welt nicht geheuer sind und der deswegen allein ist und die Rechnung mit dem Leben mit seiner Kunst begleichen muß - und zwar auf eigene Verantwortung. Er möchte im Alter einen Schlußstrich ziehen und sehen, ob die Politik ihn hat Schulden machen lassen, ob er das Konto des Lebens überzogen hat und er sich deswegen dem Urteil der Mehrheit beugen muß - oder ob die Kunst ihn auslösen wird.

          Seit Juni 1945 kritzelt er insgeheim an einem Buch. So etwas hat er noch nicht geschrieben und ist in der Literatur ohne Vorbild. Sein Buch ist weder ein Tagebuch noch eine Erzählung, weder ein Bericht noch ein Bekenntnis im engen Sinne. Es ist eine Art Stundenbuch, dessen Szenen uns in die hohe Einsicht einüben sollen, daß wir kleine Wanderer auf Erden sind. Das Buch erscheint Ende September 1949. Die ersten Auflagen werden rasch verkauft. Die deutsche Ausgabe kommt 1950 unter dem Titel "Auf überwachsenen Pfaden" heraus. Hamsuns letztes Buch ist nach 1945 der erste literarische Prozeß, in dem die Ästhetik gegen die Moral antritt, um die Ausnahme gegen den gesetzten Fall, um Schuld und Sühne des einzelnen gegen das Sündenregister der Mehrheit zu verteidigen.

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