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Rezension: Belletristik : Königskind

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Das Leben mit sieben singenden Schwestern ist für einen verträumten kleinen Jungen nicht leicht. Bussel muht wie ein Kälbchen, wenn er versucht, im Chor der Schwestern mitzusingen, und wenn er mit Brei und Soße Vulkanausbruch spielt, kippt er das Essen auf ihre Kleider. Als er ihren Auftritt vor der ...

          Das Leben mit sieben singenden Schwestern ist für einen verträumten kleinen Jungen nicht leicht. Bussel muht wie ein Kälbchen, wenn er versucht, im Chor der Schwestern mitzusingen, und wenn er mit Brei und Soße Vulkanausbruch spielt, kippt er das Essen auf ihre Kleider. Als er ihren Auftritt vor der Königin vermasselt, beschließen sie, ihn ins "Auffanghaus" zu geben, wo man störende Kinder abliefert. Da möchte Bussel nicht hin; er stellt sich vielmehr vor, ein vergessenes Kind der Königin zu sein. Diese Sicht der Dinge teilt sie zwar nicht, aber ein Kind kann sie in ihrer erhabenen, langweiligen Einsamkeit trotzdem gut brauchen.

          Bussel ist der schüchternen Deesje ähnlich, für deren aparte Geschichte Joke van Leeuwen 1988 den Jugendliteraturpreis bekam. Deesje wird gegen alle Erwartung zum Medienstar, und der mißachtete Bussel darf eine Zeitlang der Königin Gesellschaft leisten. Solche wunderbaren Schicksalswenden folgen der Logik des Märchens. Anders als Deesje, die in die glanzvolle Rolle hineinstolpert, realisiert Prinz Bussel allerdings zielstrebig seinen Tagtraum, einen kindlichen Familienroman.

          Der Raum der Handlung changiert zwischen Alltagswelt und Märchenkulisse. Diese Unbestimmtheit erlaubt gleitende Übergänge von Spielphantasie und Tagtraum zur psychologischen Skizze eines Kindes, das allen im Wege ist. Den ineinanderfließenden Wirklichkeitsebenen entspricht das Hin und Her zwischen Text und Zeichnungen; letztere entfalten die Vorstellungen, mit denen Bussel sich Worte und Welt deutet.

          Die Autorin walzt die Handlung etwas zu breit aus, und der Tick der Königin, jedes i als ü zu sprechen, wird beim Lesen bald lästig. Der tollpatschig-zärtliche Bussel ist jedoch eine sympathische, prägnant gezeichnete Figur. Seine Erfahrung, ständig zu stören, teilen sicher viele Kinder. Auch werden sie in Bussels Prinzen-Rolle leicht ihre eigenen Wunschträume wiedererkennen.

          GUNDEL MATTENKLOTT

          Joke van Leeuwen: "Prinz Bussel". Mit Zeichnungen der Autorin. Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers. Carl Hanser Verlag, München 2002. 168 S., geb., 11,90 [Euro]. Ab 6 J.

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