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Rezension: Belletristik : Kleine Männer, ganz groß

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Es hätte auch der Film sein können. Oder der Jazz. Aber Michael Chabon wählte den Comic. Von den drei großen ästhetischen Errungenschaften, die ihren Ausgang von den Vereinigten Staaten her nahmen, wählte der neununddreißigjährige amerikanische Romancier die am wenigsten wohlgelittene. Um zwei ihrer Protagonisten, ...

          Es hätte auch der Film sein können. Oder der Jazz. Aber Michael Chabon wählte den Comic. Von den drei großen ästhetischen Errungenschaften, die ihren Ausgang von den Vereinigten Staaten her nahmen, wählte der neununddreißigjährige amerikanische Romancier die am wenigsten wohlgelittene. Um zwei ihrer Protagonisten, das fiktive Zeichner-Gespann Josef Kavalier und Samuel Klayman, hat Chabon ein gewaltiges Panorama der vierziger und fünfziger Jahre entfaltet. Entstanden ist ein Buch, das in bezug auf Einfallsreichtum, intellektuelle Herausforderung, aber auch pures Lesevergnügen seinesgleichen sucht (und findet, wenn auch ganz anders geartet: bei Pynchon, DeLillo, Johnson, Franzen). Nicht das Sujet steht im Mittelpunkt, sondern die Meisterschaft der Beschreibung, oder um Descartes' Wissenschaftsverständnis zu variieren: Ein Roman definiert sich nicht aus seinem Inhalt, sondern aus der Methode. Kavalier und Klayman hätten auch als Drehbuchschreiber reüssieren können oder als Musiker. Der Roman läßt sie denn auch auf Orson Welles treffen, und ungebärdiger Jazz befeuert ihre nächtlichen Arbeitsexzesse.

          Und doch hat die Wahl des Comics als Basis der Handlung auch Methode. Hätten Film oder Jazz etwa diese Titelwahl ermöglicht: "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay"? Da klingt so manches schon mit, was die Erzählung bestimmen wird, und das, bevor man noch die erste Seite aufgeschlagen hat. Das ganze Feld der Pulp- und Trivialliteratur ist mit einem Mal im Blick. Und Chabon, das sei vorausgeschickt, beackert es nach Kräften. Wo auch, außer vor der Folie der Comics, wäre durch den Titel eine solche Verschränkung von Erzähltem und Erzähler erreicht worden? Berichtet wird über zwei junge jüdische Aufsteiger - der eine gerade erst aus dem besetzten Prag geflohen, der andere als erster seiner Familie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geboren -, und diese Biographien, so austauschbar sie in dieser denkbar knappen Schilderung auch scheinen mögen, sind fürwahr, wie Chabon sie beschreibt, unglaubliche Abenteuer.

          Und das, obwohl der Roman sich nur einer schmalen Spanne Zeit annimmt: den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1939 und 1954. Es gab keine bessere Zeit, um als Comicautor zu reüssieren, und es gab keine bessere, um auch wieder ruiniert zu werden. Allmächtige Helden in der Nachfolge Supermans überschwemmen zu Tausenden die Kioske mit ihren Taten, und da kommt der "Escapist", mit dem die beiden neunzehnjährigen Zeichner bei einem Verlag vorsprechen, gerade recht. Dieser Superheld ist blond und schön und stark - und auf dem Probetitelbild, das die beiden unerfahrenen Debütanten präsentieren, verpaßt er Hitler einen Fausthieb. Die beiden jüdischen Verleger sind gespalten, der eine freut sich an dieser Frechheit, der andere schreckt vor ihr zurück. Am Ende wird es so gedruckt; der Erfolg ist unbeschreiblich.

          Man kann nun leicht auf all die Vorbilder verweisen, die Chabon in seine Darstellung von "Kavalier & Clay", wie das dynamische Duo sich fortan nennen wird, hat einfließen lassen. Das offensichtlichste ist Jack Kirby, der 1941 genau solch ein Titelbild zum Start der von ihm und seinem Texter Joe Simon entwickelten Serie "Captain America" gezeichnet hat - eine Legende der Comicgeschichte. Auch die Namensänderung von Samuel Klayman in Sammy Clay verweist auf Kirby, dessen ursprünglicher Name Jacob Kurtzberg war. Er trägt den Ehrentitel "King of Comics", und Chabon dankt ihm im letzten Satz des Buches auf bewegende Weise. Doch auch die "Superman"-Erfinder Jerry Siegel und Joe Shuster, der "Spirit"-Schöpfer Will Eisner, der Tausendsassa-Texter Stan Lee - Juden sind sie alle in einem Genre, das meist auf Helden setzte, die den Nazi-Rassefanatikern gut gefallen haben müßten, wenn nicht sie die verspotteten Opfer dieser Heroen geworden wären - sind weitere Einflüsse für die Hauptfiguren Chabons.

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