https://www.faz.net/-gr3-6qjd5

Rezension: Belletristik : Klassiker an der Volksfront

  • Aktualisiert am

Für die Zukunft geschrieben: Nico Rosts Tagebuch aus Dachau

          3 Min.

          Dass das Vorstellungsvermögen der Nachwelt vor der Geschichte versagen würde, hat Nico Rost schont geahnt, als er im Konzentrationslager Notizen machte, die dann ein Tagebuch ergeben sollten, angefüllt mit den Leseeindrücken aus der "Lagerbibliothek". Deren bloße Existenz, glaubte er, werde später einmal "sehr unglaubwürdig erscheinen", absurd die Vorstellung, dass das Magazin "vorzüglich" sortiert war, "besonders auf dem Gebiet der klassischen Literatur". August Wilhelm und Friedrich Schlegel konnte der Häftling da ebenso begegnen wie Schiller und Racine. "Goethe in Dachau", so der Titel des 1947 bei Querido erschienenen Tagebuchs, übertraf alle Befürchtungen. Das Unfassliche gehörte zum "System des desinfizierten Marterpfahls". Hoffnung - Hoffnung trotz allem folgte aus den Möglichkeiten, die die Perversion eröffnete. Mit Egmont an der Seite fiel es leichter, den Mut zu bewahren. Für Augenblicke erlösten die "Duineser Elegien" von dem Gedanken "an die Toten und die Sterbenden" draußen auf der Landstraße. In der Literatur konnte der Intellektuelle entkommen, elf Monate lang, vom 10. Juni 1944 bis zur Befreiung Dachaus durch die Amerikaner Ende April 1945.

          Was in dieser Zeit geschah, offenbart sein Grauen nicht durch die ausgreifende Beschreibung von Folter und Not, sondern durch den Kontrast, der sich ergibt, wenn Grillparzer oder Jean Paul vor dem geistigen Auge auftauchen, während immer "neue Leichen" vorbeigetragen werden, Opfer medizinischer Experimente, über die die schlimmen Gerüchte umgehen. Indem es das Ungewisse der Bedrohung festhält, erfasst das "Tagebuch" den Schrecken einer Barbarei, der jeder auf seine Weise zu entkommen sucht; der Autor im Vertrauen auf die Dichtung, die halbwüchsigen Russen aus dem Nachbarblock, indem sie "Verstecken" spielen "zwischen Särgen und den Toten, die aus der Sektionsstube stammen". Wichtiger als das Geschehene ist, was die Zukunft dennoch verspricht, für Nico Rost der Rückgriff auf das Erbe, eine widerständige Verteidigung der Kultur.

          Über weite Strecken liest sich sein ungewöhnlicher Text wie eine Programmschrift. Allenthalben tritt das Persönliche zurück hinter den deutlich nach den Vorstellungen linker Ideologie gezeichneten kulturpolitischen Entwurf. Zwar schreibt der Herausgeber Wilfried F. Schoeller im Nachwort, eine längere Mitgliedschaft Nico Rosts in der Kommunistischen Partei sei nicht nachgewiesen. Doch zeigt das Tagebuch die Präsenz ihrer Vorstellungen Seite für Seite. Weiterhin überzeugt, vertritt der 1896 in Groningen geborene Niederländer jene Ideale, auf die er im Berlin der zwanziger Jahre stieß, im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, im Umgang mit Anna Seghers. Dass er in deren Gefolge bald der Komintern nahe stand, ist nicht zu übersehen. Ihre Volksfrontstrategie entwickelt Nico Rost, Journalist von Haus aus, ebenso engagiert wie die Erbekonzeption, mit der Johannes R. Becher bald darauf aus der russischen Emigration zurückkehrte. Ganz selbstverständlich wird die humanistische Überlieferung, werden Schiller oder Münzer in den Dienst einer Gesellschaft gestellt, deren Ideologen den Gegner, das Bürgertum, nicht zuletzt mit dem Zugriff auf die Vergangenheit besiegen wollten. Wenn es von Seume heißt, er sei "höchst beachtenswert und interessant, beinahe marxistisch", dann spürt man bereits den Besitz ergreifenden Gestus marxistisch-leninistischer Gesellschaftswissenschaft.

          Vieles, sehr vieles bis hin zu der vereinnahmenden Interpretation Gerhart Hauptmanns entspricht auffällig der Politik, die Johannes R. Becher zu der Zeit verfolgte, als er auch Nico Rost in die damalige Ostzone holte. Vermutlich stellte auch Becher, der erste Kultusminister der DDR, die Verbindungen zum jungen Verlag "Volk & Welt" her, der noch 1948 die deutsche Ausgabe von "Goethe in Dachau" herausbrachte: "Ein Tagebuch", von dem der Autor im Vorspann sagt, dass es die nachträgliche Verarbeitung früherer Notizen darstelle. Wie viel dabei, unter den veränderten Umständen, neu hinzugekommen sein mag, ist nicht zu sagen, da die Originale - Rost sprach von Notaten auf Fiebertabellen, auf Klo- und Packpapier - nie gefunden wurden. Der Verfasser selbst, so der Herausgeber, habe das Material vernichtet. Doch auch dies ist nur Vermutung, eine Annahme mehr über den Intellektuellen, der ideologisch verfremdete, was ihm geschah, um endlich Besseres zu stiften, einer Welt vorzugreifen, die ihn dann aber schneller noch ablehnen würde.

          Bereits Ende der vierziger Jahre sollte der Konflikt mit der DDR aufbrechen. Wenige Aussagen über die verräterische Haltung polnischer Mitgefangener, ehedem vereinbar mit der sowjetisch bestimmten Komintern-Politik, wurden jetzt zum Anlass genommen, einen Mann auszugrenzen, der zu stören begann, weil er neuerlicher Zensur der Literaturgeschichte nicht beipflichten wollte, der weiter zu seinen Dachauer Entdeckungen stand, auch zu den Romantikern, deren Individualismus dem Politbüro zunehmend verdächtig schien. Dem intellektuellen Streit folgte die Ausweisung, im Jahre 1951 brachte die Stasi den niederländischen Gast wieder außer Landes.

          Dem westdeutschen Fortschritt war Rost so wenig gewachsen wie ostdeutscher Wendigkeit. Blankes Entsetzen spiegelt sein hier ebenfalls abgedruckter Bericht über einen Besuch in Dachau "zehn Jahre danach". Fassungslos sieht der Rückkehrer, wie sich am Ort der "Schmerzensschreie" bunte Geschäfte und "Heinis Bauernbühne" eingerichtet haben. Nichts kann er erwidern, als ihm der Wachtmeister des Ortes erklärt, dass man von der Vergangenheit nichts wissen wolle, dass das hier "nicht gezogen" habe. Kein Argument bleibt dem Überlebenden, wo es gekommen ist wie befürchtet, wo die Vorstellungskraft der Nachwelt, ihr Mut vor der Geschichte versagt.

          THOMAS RIETZSCHEL

          Nico Rost: "Goethe in Dachau Ein Tagebuch". Aus dem Niederländischen übersetzt von Edith Rost-Blumgerg. Verlag Volk & Welt, Berlin 1999. 445 S., geb., 48,- DM.

          Weitere Themen

          Wechselt das System!

          Windows 7 : Wechselt das System!

          Microsoft hat den Support für Windows 7 eingestellt. Um kein Sicherheitsrisiko einzugehen, müssen Nutzer jetzt aufrüsten. Warum und was man tun kann.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.