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Rezension: Belletristik : Kissen aus Gras

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Natsume Sôseki dichtet Von Irmela Hijiya-Kirschnereit

          3 Min.

          Ob jeder, der hierzulande einen Zwanzigmarkschein in Händen hält, Annette von Droste-Hülshoff identifizieren und sie als deutsche Dichterin einordnen könnte, ist fraglich. In seinem eigenen Land ungleich bekannter ist der Schriftsteller, dessen Porträt die verbreitetste japanische Banknote, den Tausend-Yen-Schein, ziert. Er heißt Natsume Sôseki, lebte von 1867 bis 1916 und gilt zu Recht als einer der bedeutendsten japanischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Sôseki, so sein Künstlername, verbrachte traumatische und zugleich prägende Jahre von 1900 bis 1903 in London, bevor er Dozent für englische Literatur an der Kaiserlichen Universität Tokio wurde. Mit Erzählungen und Fortsetzungsromanen wurde er schnell berühmt. Eines der frühen Werke, die seinen Ruhm begründeten, ist der 1906 in nur zwei Wochen entstandene Roman "Das Graskissen-Buch".

          Schon der Titel mit der Bedeutung "Kopfkissen aus Gras", ein Topos aus der klassischen Dichtung, der auf Wanderschaft und Reise und somit auf Unbeschwertheit, aber auch auf Einsamkeit und Melancholie verweist, offenbart viel vom Charakter dieses kontemplativen Buches, das zugleich stark experimentelle Züge trägt. Der Autor selbst nannte es eine Art Haiku-Roman und wünschte sich, damit vielleicht einen neuen literarischen Typus geschaffen zu haben, der sich von der allzu realitätsnahen, im Alltäglichen befangenen europäischen Romanliteratur abheben sollte. Mit Haiku-Roman ist also zunächst ein ästhetizistischer Zugang beschrieben - Aufgabe sei es, dem Leser eine Empfindung des Schönen zu vermitteln, die ihn der profanen Realität enthebe. Zugleich ist das Werk jedoch auch von Gedichten, japanischen wie Haiku und solchen im klassischen chinesischen Stil, durchsetzt. Gebildete Anspielungen auf chinesische und japanische Klassiker enthält es zuhauf - der Übersetzer ins Deutsche ist nicht zu beneiden. Doch auch die europäische Literatur, ob Oscar Wilde oder William Wordsworth, ob "Laokoon" oder "Tristram Shandy", wird in die philosophischen Reflexionen eingebunden.

          nd die Handlung? "Wenn Sie der Handlung nicht folgen, was lesen Sie dann? Was gibt es in Büchern außer der Handlung überhaupt zu lesen?" läßt der Autor augenzwinkernd eine seiner Figuren fragen. Die Handlung dieses Buches ist schnell umrissen: Ein Kunstmaler aus Tokio reist aufs Land, um in der klassischen Pose des Connoisseurs alles zum ästhetischen Erlebnis werden zu lassen, was ihm begegnet. Er genießt und räsoniert - über chinesische Teppiche wie über europäisches und japanisches Essen, über Zen-Weisheiten oder die Künstlichkeit der snobistischen Teekultanhänger, bei Wanderungen in der freien Natur, im dampfvernebelten Bad oder unter dem Zugriff eines Barbiers. Natürlich begegnet er auch einer geheimnisvollen Frau, die sich am Rande des Selbstmords bewegt.

          Was den Text auch für europäische Leser neunzig Jahre später noch zum kurzweiligen und anregend-vergnüglichen Erlebnis werden läßt, ist der ironische Blick des Autors auf seinen Helden, den Künstler, der seine "Umgebung wie ein Bild betrachtet, wie ein Gedicht liest". So wichtig ihm die "weltenthobene Poesie" auch sein mag, er registriert sehr wohl, daß vor der nüchternen Wirklichkeit ein dauerhaftes Entrinnen nicht möglich ist. Und so führt er seinen Helden schließlich auf denkwürdige Weise wieder an die Realität heran.

          Da ist vor allem aber der Ich-Erzähler selbst, jener Maler mit dem scharfsinnigen Blick für die Marotten seiner profitgierigen, fortschrittssüchtigen und europahörigen Zeitgenossen. Welch wunderbare Sinnlichkeit atmen seine Schilderungen japanischer Speisen oder der Anblick einer Frauengestalt im Kimono an einem wolkenverhangenen Spätfrühlingsabend! Und damit romantische, assoziationsgeladene Szenen nicht ins Schwelgerische abgleiten, folgt auf dem Fuß eine Wendung ins Komische, eine witzige Pointe, ein gekonnter Szenenwechsel. Leider ist der Übersetzer der stilistischen Brillanz des Originals nicht gewachsen. Nicht immer trifft er das richtige Register, sprachliche Unsicherheiten stören ebenso wie das penetrante "Hahahahaha" der Männer, das "Hohoho" der Frauen, das kecke "Hehehehehe" oder das "Kukuku" der Hühner. Manch einer mag sich auch an den insgesamt verdienstvollen, aber teils pedantisch-didaktischen, teils uninformativen oder auch überflüssigen Fußnoten stoßen.

          Dennoch, Sôseki ist ein höchst anregender, weitsichtiger japanischer Intellektueller mit der Gabe, unterhaltsam zu erzählen. Es lohnt sich also, ihn anhand seiner witzigen frühen Werke wie des "Graskissen-Buchs", das übrigens auch die Lieblingslektüre des Pianisten Glenn Gould gewesen sein soll, und des in Kürze auf deutsch erscheinenden satirischen Romans "Ich der Kater", ebenfalls aus dem Jahre 1906, kennenzulernen. Die Tausend-Yen-Scheine, die man in Japan so schnell wieder los wird, tragen nicht umsonst sein Konterfei.

          Natsume Sôseki: "Das Graskissen-Buch". Roman. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Christoph Langemann. Edition q, Berlin 1996. 217 S., geb., 38,- DM.

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