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Rezension: Belletristik : Kirchenschwester, Stasi-Bruder

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Ohne Gewähr: Erich Loests "Nikolaikirche" schreibt Geschichte

          Als am 9. Oktober 1989 in Leipzig 70000 Menschen aus dem Windschatten ihres DDR-Daseins traten, saß Erich Loest in Bad Godesberg am Fernseher und mochte sich gesagt haben: Daß ich das noch erleben darf! Im Jahr 1981 war er aus der DDR ausgereist, was für ihn hieß, er mußte Leipzig verlassen. Er werde immer über diese Stadt schreiben, hatte er im Westen erklärt, wo er 1984 auch seinen großen Leipzig-Roman "Völkerschlachtdenkmal" veröffentlichte. Ein Völkerschlachtdenkmal in Kerzenform war dann auch ein rührendes Geschenk, das Loest in Leipzig gemacht wurde, als er endlich wieder einreisen durfte. Der es ihm überreichte, war IM gewesen. Noch im Dezember 1989 mischte sich Erich Loest unter die Montagsdemonstranten, und der Lokalpresse erklärte er: "Die Stoffe liegen doch auf der Straße."

          Ob er schon damals daran dachte, die Geschichte dieser Herbstrevolution einmal aufzuschreiben, weiß man nicht. Vorerst erwartete ihn eine ganze Bibliothek von Stasi-Akten, die über ihn angelegt worden waren. Diese Lektüre mag eine Ursache dafür gewesen sein, daß er seinen Roman über die Herbstrevolution, den er dann doch schrieb, nun in weiten Strecken aus der Sicht der Stasi erzählt hat.

          Konrad Weiß hat ihm deshalb schon vorgeworfen, der Titel "Nikolaikirche" sei irreführend, denn die Opposition, die sich seit 1982 dort zu den montäglichen Friedensgebeten sammelte, bliebe konturenlos. Statt dessen macht sich über zu viele Seiten ein gewisser Bacher breit. Wie es dieser Stasi-Hauptmann fertigbringt, die Liebe der jungen, in einer kirchlichen Umweltgruppe engagierten Französischdozentin Claudia Engelmann zu entfachen, bleibt eines der vielen Geheimnisse der konstruierten Handlung. Denn Bachers Charme hat nicht viele Worte: "Was trinkst du, einen Weißen aus Bulgarien oder einen rumänischen Roten? Natürlich hab ich Korn da und dieses Gesöff aus Neubrandenburg, Torwächter." Mit dieser Sprechblase wollte sich Erich Loest vielleicht als Kenner des DDR-Alltags ausweisen. Als solcher hatte er sich 1978 in seinem Roman "Es geht seinen Gang" bewiesen. Eine "Verzerrung der Wirklichkeit" war ihm damals von staatstreuen Kritikern vorgeworfen worden. Tatsächlich gibt es jedoch kein bis ins Detail stimmigeres Buch über die DDR der siebziger Jahre.

          Zwanzig Jahre später gab es Ananas in Büchsen in sogenannten Delikatläden kaufen konnte. Und "Schinkenröllchen mit Meerrettich", wie Loest in seinem neuen Roman wiederum treffend beschrieben hat. Es ging seinen Gang mit der DDR. Doch daß es manche Bürger bis zu einem VW Golf und zwei Farbfernsehern gebracht hatten und dennoch ausreisen wollten, mochte der Autor so nicht stehenlassen. Es stand aber so im offenen Brief eines Ausreisewilligen, der sich im Mai 1988 an die "Zweckgemeinde" der Leipziger Nikolaikirche wandte, um sich selbst als "Anpasser" anzuklagen und doch auch Hilfe zu erbitten. Wie andere Dokumente auch hat Loest dieses Zeitzeugnis in seinem Roman eingearbeitet. Doch den VW Golf und einen von zwei Farbfernsehern ließ er weg.

          Diese kleine künstlerische Freiheit ist bezeichnend für das Bild, das Erich Loest von der DDR-Gesellschaft der achtziger Jahre entwirft, die er nicht mehr aus eigenem Erleben kannte. Er macht sie ärmer, als sie war. Das trifft nicht nur für das "Schmalzfleisch aus bundesdeutscher Staatsreserve" zu, das es im HO-Laden auf Zuteilung gegeben haben mag, aber vom "blanken Gold" für "einen Leipziger Winter" konnte deshalb anno 1988 nicht die Rede sein. Die DDR-Bürger waren satt, als sie die DDR satt hatten. Sie bildeten auch ein komplizierteres Allgemeinwesen, als es Loest in seiner Familiengeschichte in Szene setzte.

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