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Rezension: Belletristik : Kindsein ist schrecklich

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Der Apfel saust versehentlich aus dem kleinen Kunstlederkoffer und rollt unter einen Sessel. Der Moment, der vergeht, bis ihn jemand aufhebt, wird zwischen Henrietta und Leopold zur Machtprobe. Sie ist zwei Jahre älter als er, bei neun und elf Jahren noch ein bedeutsamer Unterschied. Beide sind zum ersten Mal in ihrem Leben in Paris, und beide haben nur einen Tag Zeit.

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          Der Apfel saust versehentlich aus dem kleinen Kunstlederkoffer und rollt unter einen Sessel. Der Moment, der vergeht, bis ihn jemand aufhebt, wird zwischen Henrietta und Leopold zur Machtprobe. Sie ist zwei Jahre älter als er, bei neun und elf Jahren noch ein bedeutsamer Unterschied. Beide sind zum ersten Mal in ihrem Leben in Paris, und beide haben nur einen Tag Zeit. Henrietta will vor allem den Trocadéro sehen, während Leopold vor einer ungleich wichtigeren Begegnung steht: In Paris, im Haus der alten Madame Fisher, soll er endlich seine Mutter kennenlernen.

          Nur ein Teil des Werks der anglo-irischen Schriftstellerin Elizabeth Bowen (1899 bis 1973) ist bislang ins Deutsche übersetzt. Während ihr hundertster Geburtstag vor wenigen Jahren in Großbritannien Anlaß für die Wiederauflage ihrer Romane und Kurzgeschichten war, ist es dem Schöffling Verlag zu verdanken, daß die Schriftstellerin nach langer Pause nun auch bei uns wieder zu entdecken ist. Den Anfang machte im vergangenen Herbst "Der letzte September", jener elegische Roman von 1929, der das große Gesellschaftsbild im kleinen widerspiegelt. Ein Herrenhaus in Irland bildet die Bühne für Bowens elegantes Drama um Politik, Geschichte und Liebe, Klassenunterschiede und Glauben. Während sie selbst fürchtete, als Nachahmerin von Katherine Mansfield zu gelten, deren Kurzgeschichten großen Eindruck auf sie machten, hat ihr markanter Stil - eine Mischung aus Genauigkeit, Poesie und Härte - Bowen immer wieder den Vergleich mit Henry James, Virginia Woolf und Edith Wharton eingetragen.

          Diese Qualitäten bestimmen auch ihren dritten, nun endlich auf deutsch vorliegenden Roman. Denn in "Das Haus in Paris", erstmals 1935 erschienen, verengt sich der Blick: Hier erweist sich die Autorin als Meisterin in der verdichtenden Beschreibung von Atmosphäre und Charakter. Wo "Der letzte September" das Panorama einer Epoche entwarf, ist "Das Haus in Paris" ein fast zeitloses Kabinettstück, eine Miniatur von bestechender Präzision. Das Buch weist voraus auf ihr Hauptwerk "Death of the Heart" (1938), das ebenfalls den Verlust kindlicher Unschuld beschwört.

          Henrietta und Leopold sind beide auf der Durchreise, als sie sich in Madame Fishers Haus in Paris begegnen. Das Mädchen wird den Winter bei seiner Großmutter in Südfrankreich verbringen, der Junge soll noch am selben Abend zu seinen Adoptiveltern nach La Spezia zurückkehren. Doch Leopold hat längst beschlossen, daß es für ihn keine Rückfahrt geben darf, sondern nur den Aufbruch in ein neues Leben: bei seiner richtigen Mutter. Der Ort ihres Zusammentreffens ist nicht zufällig, doch die Kinder wissen nichts von der Vergangenheit, die sie mit Madame Fisher und Naomi, ihrer traurigen Tochter, verbindet.

          Elizabeth Bowens Romane und Geschichten sind geprägt von einer dunklen, oftmals fast unheimlichen Stimmung, die jede Heiterkeit aufgesetzt und unwirklich erscheinen läßt. Plötzlich, mitten in der Schilderung des Dialogs zwischen Leopold und Henrietta, steht der unglaubliche Satz: "Von Natur aus lächeln Kinder einander nicht an." Fortan ist man auf der Hut. Henrietta und Leopold, die so gar nichts Kindliches an sich haben, aber erst später an diesem Tag ahnen, warum das so ist, bewegen sich nah am Abgrund. Ihren Gesprächen wohnt eine förmliche Brutalität inne, die auch den Kindern selbst nicht verborgen bleibt: "Henrietta empfand einen ganz neuen Schmerz. Sie begriff nämlich, daß dieses Verhör gar nichts mit ihr zu tun hatte, daß Leopold es nicht einmal darauf anlegte, ihr weh zu tun, sondern ihr die Blütenblätter oder die Flügel lediglich deshalb ausriß, weil er sich selbst erkunden wollte." Ebenso abrupt wie seine Feindseligkeit erkennt sie aber auch seine Hilflosigkeit: "Sie bewegte den Ellenbogen in Leopolds Richtung und spürte, daß sein Arm so unwissend war wie Holz."

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