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Rezension: Belletristik : Kennst du das Beet, wo die Zitate blühn?

  • Aktualisiert am

Ulla Hahn in "Epikurs Garten" / Von Wulf Segebrecht

          4 Min.

          An ihren Gedichten scheiden sich die Geister. Die einen hören aus ihnen die Flötentöne einer sehr modernen Nachtigall, den anderen klingen sie wie Zurufe einer unzeitgemäßen Ul. Marcel Reich-Ranicki lobte sie über den grünen Klee, Michael Braun tadelte sie als "Edelkitsch aus dem Repertoire des Biedermeier", und Jörg Drews ignorierte sie sogar ganz (in seiner Anthologie "Das bleibt"). Was tut's, Ulla Hahn ist - gemessen an den Auflagen ihrer bisher vier Lyrikbände - eine überaus erfolgreiche Autorin, deren kunstreichen lyrischen Lust- und Liebesspielen Zehntausende von Lesern mit Neugier und Sympathie gefolgt sind. Sie werden sicher auch ihre Einladung in "Epikurs Garten" gern annehmen, dessen Anlage begutachten, seine Erträge prüfen, nach seiner Bedeutung fragen und seinen Wert abschätzen wollen.

          Der Band gliedert sich in vier Abschnitte, die dem Ablauf eines Gartentages folgen, in dem sich ein Gartenjahr unaufdringlich spiegelt: Es beginnt mit dem frühen "Morgenlob", führt über die mittäglich-sommerliche Blütezeit ("Epikurs Garten") zur abendlichen "Vesper" und schließt, gleichsam vor der Nacht oder vor dem Winter "Den Garten verlassend", mit rück- und ausblickenden Reflexionen, die oft weit über den Horizont eines Gärtchens hinausreichen.

          Die hohe Zeit des Gartens freilich ist die Blütezeit, zumal dann, wenn es, wie hier, ein Blumengarten ist, kein Nutzgarten, der präsentiert wird. Zwar bietet er vereinzelt auch ein wenig Gemüse, im übrigen aber gibt es Schneeglöckchen und Jungfer im Grünen, Malven, Phlox, Rosen aller Art, Mohn, Lavendel, Immortellen, gelbe Dahlien und Sonnenblumen, auch Schaumkraut und Disteln. Es ist ein blühender, mitteleuropäischer oder eigentlich ein sehr deutscher Hausgarten, der hier zur Betrachtung einlädt. Dabei wird nicht verschwiegen, daß selbst ein Kleingarten Arbeit macht: Vom Pflanzensetzen über die Schneckenvernichtung bis hin zum Aufbinden der Tomaten sehen wir die Gärtnerin beschäftigt, wobei sie der Botschaft der Garten-"Erde" an die Menschheit lauscht: "woher / ihr kommt wohin ihr geht: Ich weiß es. / Euch alle kriege ich. Zuerst das Weiche dann / die harten Knochen" - eine eindringliche Variation jener Worte, die man Verstorbenen nachzurufen pflegt: "Von Erde bist du genommen, zu Erde wirst du wieder werden." In Ulla Hahns Gedicht "Erde" heißt das: "Warte nur und du fühlst dich / nicht anders an als ich. Berühre mich / noch einmal wie den / den du liebst. Und geh zu ihm." Das ist, bei aller Liebe, doch ein harmonisierender Schluß, der nur rekapituliert, was schon den Barockautoren geläufig war, daß nämlich das "Memento mori" das "Carpe diem" durchaus einschließt. Zwei Wörter - "Erde ruft" - benötigte Gottfried Benn (in seinem Gedicht "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke"), um die Todesverfallenheit und die Sexualität des Menschen auf provozierend moderne Art miteinander zu kombinieren.

          Immerhin, man sieht: Ulla Hahn macht sich so ihre Gedanken. Denn es ist, Epikur verpflichtet, ein philosophischer Garten, den wir besuchen. So lehrt die Betrachtung des Schaumkrauts die Begrenztheit jedes rationalen Verstehens ("wenn der Sommerwind durch die / Schaumkrautwiesen fließt kann der Verstand / ihm nicht folgen"), und das kluge Himmelsschlüsselchen weiß zu sagen: "Wer keine Worte macht, hat nie ein Versprechen gebrochen." Noch nachdenklicher könnte uns die Einsicht stimmen: "Die Linien des Lebens sind verschieden" - weiß Epikur! Der allerdings forderte streng: "Man soll nicht so tun, als ob man philosophiere, sondern wirklich philosophieren." Aber was heißt hier schon "wirklich"? Ein Blümchen aus Ulla Hahns Garten wirft diese abgründige Frage auf:

          Die Erde ist wahr und der Wind und die

          Sonne ist wahr und ich bin es auch. Oder

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