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Rezension: Belletristik : Katze am Schachbrett

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Wie Charles Simic ein Dichter wurde · Von Paul Ingendaay

          4 Min.

          Wolfgang Hildesheimer sagt in seinem Mozart-Buch etwas über das Genie, das sich seiner selbst nicht bewußt sei, und er benutzt Mozart, um Rilke zu ohrfeigen: Mozart sei wirklich ein Genie, wisse aber nichts davon und habe sich entsprechend unbekümmert (andere sagen flegelhaft) benommen; Rilke dagegen habe immerfort den empfindsamen Künstler gegeben, in Wahrheit könne es also mit seinem Genie nicht so weit her sein. Das ist schwarzweiß gedacht und verrät vermutlich mehr von einem umgekehrten Geniekult, als Hildesheimer lieb gewesen wäre. Aber damit ist eine nützliche Unterscheidung getroffen, die beim Bäcker oder am Fahrkartenschalter eine Rolle spielen könnte: Ist der Schriftsteller, sei er ein Genie oder nicht, einer von uns?

          Bei dem 1938 in Belgrad geborenen Lyriker Charles Simic, der mit sechzehn nach Amerika ging und heute an der Universität von New Hampshire lehrt, kann über die Antwort kein Zweifel bestehen. Simic ist so zugänglich und unprätentiös, daß er sich in Deutschland verdächtig gemacht hätte, wäre er dem Publikum vor drei Jahren nicht in der feinen "Edition Akzente" des Hanser Verlags und obendrein in der Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger präsentiert worden. Die Leser dieser Zeitung wissen, daß Simic nicht nur ein erstaunlicher Dichter ist, sondern auch ein begnadeter Erzähler. Seine Essays haben neben ihrem jeweiligen Thema eine gemeinsame Aussage: daß man um das Große und Wichtige herumschreiben muß, um dessen Konturen zu vermessen, und daß der Rest Wahrheit, den die Literatur sich noch zutrauen darf, nicht ohne Hingabe an die kleinen Einzelheiten des Lebens zu gewinnen ist - an das also, was nach Nabokov im harten Sonnenlicht liegt und nicht im Mondschein der Verallgemeinerung.

          Es paßt ins Bild, daß in den jetzt erschienenen autobiographischen Skizzen mit dem Titel "Die Fliege in der Suppe" die Lyrik recht eigentlich erst auf Seite 109 vorkommt. Dort ist von den wenig ermutigenden dichterischen Anfängen des jungen Mannes die Rede, eher wohl einem täppischen Stochern und Klauben, dessen schriftliche Zeugnisse längst vernichtet sind. Der ältere Simic schreibt darüber im Ton eines Handwerkers, der berichtet, wie er als dummer Lehrling mit dem Lötkolben eine Schraube eindrehen wollte.

          Zwar gibt es Aufregenderes im Bereich des modernen poetologischen Schrifttums, doch darum geht es Simic ja auch nicht. Sein Buch handelt von einer Kindheit im Krieg, einer trotz allem überraschend glücklichen, wenn man der Darstellung glauben darf. Es handelt aber auch davon, wie einer dem Chaos entkommt und unverhofft im Paradies landet, und dieser eine ist zunächst kein amerikanischer Dichter, sondern ein kleiner serbischer Junge, über dessen Land reichlich Bomben niedergehen, erst die deutschen, dann, ab 1944, die englischen und amerikanischen. Es ist Simics Geheimnis, wie er diese Dinge beschreibt, ohne sie mit den Deutungen des Erwachsenen zu beschweren oder sie durch gespielte kindliche Naivität nachträglich zu sentimentalisieren. Sein Stil ist so biegsam und klar, daß man glaubt, er könne seiner Erinnerung wirklich trauen.

          Tatsächlich stimmt das aber gerade nicht. "Meine Kindheit ist ein Film in Schwarzweiß", heißt es in einem Kapitel, das mit den "dunklen Zeiten" weniger die unheilvolle historische Epoche des Zweiten Weltkriegs meint als das Zwielicht eines unzuverlässigen Gedächtnisses. Die Erinnerung, von der Simic spricht, ist grobkörnig, weil sie nicht von dem Menschen abhängt, der er heute ist, sondern auch von dem, der er damals war. Man traut Simics Lebensgeschichte, weil sie entsprechend fragmentarisch daherkommt, mit Sprüngen, Raffungen, weißen Stellen; und weil sie vom Hörensagen als Hörensagen spricht: neutral, wie ein Medium und gerade dadurch um so bezwingender.

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