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Rezension: Belletristik : Kammerspiel im Randbezirk

  • Aktualisiert am

Clemens Eich kann im Salzburger Land auch gut melancholisch sein

          4 Min.

          Das Steinerne Meer ist ein Hochplateau südlich des Königssees, über das die deutsch-österreichische Grenze verläuft. Am Ende des Romans von Clemens Eich entschließt sich der dreizehnjährige Valentin Hader, dorthin zu wandern. Er verläßt ein leeres Haus. Seine Eltern sind seit einer Italien-Reise verschollen, sein Großvater Michael Hader liegt auf der Totenbahre. Valentins Aufbruch vom Dorf Muna zum "Steinernen Meer" wird der Aufbruch von einer Einsamkeit in die andere sein.

          Leicht läßt sich der Ortsname Muna entschlüsseln. Er steht für die Gemeinde Großgmain im Salzburger Land, wo seit 1963 für gut zwei Jahrzehnte die Familie Ilse Aichingers und des 1972 gestorbenen Günter Eich zu Hause war. Die Landschaft der fiktiven Handlung ist dem Autor also aus Kindheit und Jugend vertraut. Der nach Schauspielerjahren jetzt als freier Schriftsteller in Hamburg lebende Clemens Eich beschreibt sie mit einer distanzierten Kühle, die, offenbar durch Erinnerung, allmählich aufgetaut wird.

          Schriftstellernde Söhne von Schriftstellern sind nicht zu beneiden; zumal, wenn beide Eltern zu literarischem Ruhm gekommen sind. Bei Clemens Eich vollzieht sich der Versuch, aus dem mächtigen Schatten herauszutreten, ohne schroffe Lossagungsgebärden und ohne Originalitätsgetue. Die unprätentiöse Art, "ich" zu sagen, nimmt den Leser für ihn ein. Eich scheint die Situation des Nachgeborenen in einer Melancholie des Verzichts verarbeitet zu haben. So entsteht eine erzählerische Empfänglichkeit für Menschen und Ich-Gefühle, denen der ungestüme Lebenswille abhanden gekommen ist. Schon in den Gedichten des Bandes "Aufstehn und Gehn" von 1980 taucht immer wieder das Motiv vom frühen Sterben auf. Manche Anspielungen im Roman deuten an, daß auch das "Aufstehn und Gehn" des Valentin Hader, die Wanderung zum Steinernen Meer, ein Weg ins frühe Sterben sein wird. Das Ende des Romans löst sich in einer lyrisch-elegischen Stimmung auf.

          Dennoch verharrt der Roman nicht in Unbestimmtheit. Die Gegenwartshandlung spielt im Winter 1963, unmittelbar vor der Olympiade in Innsbruck. Der Großvater wünscht sich den Jungen als künftigen Sieger im Abfahrtslauf, und an ebenjenem Tag seines Todes ist Valentins großer Favorit, sein Idol Karl Schranz, auf einem der hinteren Ränge gelandet. Geduldige Beobachtung und gestochene Beschreibung, wie sie in den Erzählungen von Eichs Band "Zwanzig nach drei" (1987) gerade unscheinbaren Menschen zuteil werden, bewähren sich auch hier.

          Zu einer Szene von besonderer Intensität steigert sich der Bericht über das Krampus- oder Perchtentreiben am fünften Dezember, dem Krampustag, an dem junge Männer, unter hölzernen Masken verborgen und mit Ketten und Stöcken bewaffnet, einer Volksbelustigung ein manchmal grausames Ende bereiten. So auch an jenem Tag, als die vom Dorflehrer oft schikanierte Ruppmoser-Christa auf dem Heimweg von zwei betrunkenen Burschen verfolgt, niedergeschlagen und mißhandelt wird. Da sie aus ihrer tödlichen Angst nie mehr zu normalem Bewußtsein zurückfindet, schließen sich hinter ihr die Tore der Landesnervenheilanstalt Salzburg.

          Das Salzburger Land ist hier kein Ansichtskartenmotiv. Von der Häßlichkeit der besungenen Stadt und ihrer Bewohner ist einmal die Rede. Die Berge im Grenzland werden von einem wahnsinnigen Schützen, einem Deserteur der deutschen Bundeswehr, unsicher gemacht. Im Keller des Hauses in Muna liegt die Leiche einer vom Großvater im Affekt getöteten Frau. Wo sich die Vorstellungskraft manchmal "am Rande des Schlimmstmöglichen" bewegt, kann keine Idylle gedeihen. Und dennoch marschiert dieser Roman nicht mit im Troß des Antiheimatromans und der Gegenidyllen, der Konformität ihres in die Jahre gekommenen Nonkonformismus.

          Im Mittelteil des Romans wird die "Geschichte des Großvaters" erzählt. Der Sohn eines k. u. k. Rechnungsoffiziers läßt sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Lehrer ausbilden, tauscht den Stumpfsinn des Klassenzimmers gegen den eines eigenen Lebensmittelgeschäfts in Wien, läßt sich von einem Freund mit undurchsichtigen Beziehungen überreden, die Geschäftsführung einer maroden Salzburger Limonadenfabrik zu übernehmen, und sitzt am Ende seiner Odyssee als Grenzbeamter im Zollhäuschen von Muna. Im Hintergrund zeichnen sich die politische Situation der Ersten Republik Österreich, die Veränderungen nach dem "Anschluß" und die Verhältnisse der Zweiten Republik ab, aber mit der Künstlichkeit des Playback.

          Denn erzählt wird von den Wahrnehmungen und Träumen der beiden Hauptfiguren her. "Ohne Abschied", der dritte Teil des Romans, der wieder an die Handlung des Jahres 1963 anknüpft, beginnt mit einem inneren Monolog des todkranken Michael Hader. Die Erinnerung an die letzten Tage, auch an den Mord, ist ausgelöscht - vielleicht verdrängt. Das Gedächtnis überhaupt setzt aus. In dem Maße, wie sich Hader aus seiner Biographie und aus der Welt verliert, entwickelt der Enkelsohn ein Bewußtsein seiner Lage: elternlos zu sein, verantwortlich für die Pflege eines Großvaters, der "an der Schwelle des Wahnsinns" steht. Er findet die Leiche, begräbt sie als letzten Dienst am Großvater und an der Toten, wobei der Gedanke an das kriminelle Delikt, den Gerichtsfall gar nicht aufkommt. Die Imperative der Gesellschaft gelten hier schon nicht mehr.

          Immer deutlicher wird, daß die Grenze des Grenzorts Muna Bild und Zeichen für eine menschliche Situation, eine Grenzsituation ist. Clemens Eich hat eine ganz eigene Fähigkeit, gerade jene Momente zu zeigen, in denen sich Menschen auf der Schwelle zu einem anderen Leben oder am Rande des Lebens überhaupt befinden. Das geschieht ohne Pathos, ohne Beschönigung, aber auch ohne Dramatisierung. Die Landschaft, von der die Menschen umgeben sind, kann ein Ort der Zerstörung, sie kann aber auch von stiller Schönheit sein. In den Momenten größter Sammlung fällt der Erzähler kaum merklich in eine rhythmisierte, musikalische Sprache. Nicht auf die Menschheitstragödie oder die Schicksalssymphonie sind die erzählerischen Instrumente Clemens Eichs gestimmt, eher auf das Kammerspiel, die Kammermusik. WALTER HINCK

          Clemens Eich: "Das Steinerne Meer". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. 336 S., geb., 42,- DM.

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